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Die Liebe hält den gesamten Kosmos zusammen 1_2013

Von Brigitte Muth-Detscher und Josef Gottschlich

Interview mit Schwester Philippa Rath OSB zu Leben und Werk der Heiligen und Kirchenlehrerin

Wann kamen Sie erstmals mit Hildegard von Bingen in Kontakt?
Das war unmittelbar nach meinem Eintritt in die Abtei St. Hildegard im Jahr 1990. Sich mit der großen Gründergestalt unserer Abtei zu beschäftigen, gehört sozusagen zum Pflichtprogramm. Ich wurde dann sehr bald Assistentin unserer damaligen Hildegardforscherin, Sr. Adelgundis Führkötter, und habe dann ab 1995 das Jubiläumsjahr anlässlich des 900. Geburtstags der heiligen Hildegard verantwortlich vorbereitet und durchgeführt.

schwester-philippa-rath-textbildSchwester Phiippa Rath OSB © Abtei St. Hildegard

Welche Charaktereigenschaft(en) Hildegards schätzen Sie ganz besonders?
An erster Stelle würde ich ihr prophetisches Sendungsbewusstsein, ihren Mut, ihre Standfestigkeit und Zähigkeit nennen. Dann aber auch ihr großes Herz und ihren weiten Geist. Hildegard muss eine wirklich außergewöhnliche, charismatische Persönlichkeit mit großer Ausstrahlungskraft gewesen sein.

Gibt es ein Ereignis aus dem Leben Hildegards, das Ihnen ganz besonders wichtig ist?
Ich denke, dass der Entschluss, den Disibodenberg zu verlassen und in Bingen ein eigenes Kloster zu gründen, für das Leben Hildegards das zentrale Ereignis war. Ebenso wichtig, vielleicht noch wichtiger, war aber für mich ihre Entscheidung, dem Anruf Gottes zu folgen, der zu ihr sprach: „Schreibe auf, was du siehst und hörst!“

Haben Sie ein Lieblingszitat von Hildegard?
Mich bewegen immer wieder folgende Worte aus ihrem Alterswerk „Vom Wirken Gottes“ (Liber divinorum operum): „Mitten im Weltenbau steht der Mensch. Er ist mächtiger als die übrigen Geschöpfe. Von Gestalt ist er zwar klein, aber groß durch die Kraft seiner Seele... Wie der Leib des Menschen sein Herz an Größe übertrifft, so übertreffen die Kräfte der Seele den Leib des Menschen mit ihrer Kraft. Und wie das Herz des Menschen in seinem Leib verborgen ist, so ist auch sein Leib von den Kräften der Seele umgeben. Diese erstrecken sich über den gesamten Erdkreis und bewegen das ganze All.“

Gibt es eine Vision Hildegards, die Ihnen besonders nahekommt? Aus welchem Grund?
Ja, eben diese Vision vom Menschen im Kosmos. Es gibt meines Erachtens kaum einen Text, in dem die einzigartige Würde und Gestaltungskraft des Menschen so eindringlich zum Ausdruck kommt. Wir als Menschen sind Geschöpfe Gottes. Er hat uns in Freiheit erschaffen und in die Verantwortung gerufen. Unser Tun und auch unser Unterlassen haben Einfluss nicht nur auf unser eigenes Leben, sondern auf den gesamten Kosmos. Wenn das kein wunderbarer und zugleich herausfordernder Gedanke ist!

In manchen Biographien wird berichtet, dass Hildegard schon als Kind Visionen hatte. Was ist davon zu halten?
Sicher ist, dass Hildegard wohl schon als Kind eine außergewöhnliche geistliche Begabung hatte und offenbar mehr, tiefer und weiter gesehen hat als andere. Ich bin überzeugt, dass sie schon sehr früh Gottes Ruf gehört hat und in diesem Sinne auch schon früh sein auserwähltes „Werkzeug“ war. Das ist ja durchaus nichts so Ungewöhnliches, denken Sie nur an Johannes den Täufer oder die alttestamentlichen Propheten Jeremia oder Ezechiel.

Hildegard war mehrmals in ihrem Leben schwer erkrankt, oft auch für längere Zeit. Wie ist sie mit ihrer eigenen Krankheit umgegangen?
Ich denke, dass sie ihre chronischen Krankheiten angenommen und in diesem Sinne souverän bewältigt hat. Für eine so temperamentvolle und agile Persönlichkeit war das sicher nicht leicht. Sie hat sich und auch ihrer Umgebung viel abverlangt. Dass sie trotz ihrer Krankheit so alt geworden ist, erscheint mir fast wie ein Wunder.

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