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Frauchens Waldi 2_2015

Helmut Müllers Konzept der Selbstheit sprengt die gängigen Naturalismen und befreit zu einem angemessenen Verstehen des Lebendigen – auch des Menschen.

Kennen und Verkennen

Natürlich kennt Frauchen ihren Waldi, aber kennt ihn auch der naturalistisch denkende Biologe? Wenn er selber kein Haustier hat, hat er möglicherweise für einen Haustier- besitzer merkwürdige Ansichten über einen Dackel, den sein Frauchen Waldi nennt oder über einen Kater, den sein Herrchen Carlo ruft. Wenn Waldi zum Fressnapf läuft, läuft für das Frauchen Waldi zum Fressnapf. Für einen hartgesottenen Naturalisten tun sich jetzt aber schon große Probleme auf. „Waldi“ ist für ihn ohnehin nur eine Metapher für einen Vorgang, den er beliebig komplex glaubt erklären zu können. Auf einer noch relativ unkomplexen Stufe des Erklärens bewegen sich Sehnen und Muskeln auf einem Skelett in Richtung einer vor allem olfaktorisch ausgemachten Quelle, die entsprechende Signale sendet. Auslöser der Bewegung ist letzten Endes eine sich im Ungleichgewicht befindliche Energiebilanz des Körpers, zu dem der wie oben beschriebene Bewegungsapparat gehört. Naturalisten sind natürlich keine kompletten Ignoranten, sondern benutzen der Einfachheit halber auch Me- taphern, um das, was sie so erklären, halb- wegs begreiflich kommunizieren zu können.

mueller article

Für ihn bleibt aber das ganze „Ensemble“, das er vielleicht auch metaphorisch „Waldi“ nennt, letztlich gespenstisch, wie bereits dem Ahnen dieser Weltanschau- ung, Gilbert Ryle („Das Gespenst in der Maschine“), überhaupt alles Lebendige – den Menschen eingeschlossen. Das, was „Waldi“ eigentlich ausmacht und in einer Welt mittlerer Abstraktionen, manche nennen sie „Lebenswelt“, mehr als eine Metapher ist, nenne ich „Selbstheit“. Dafür hat der Naturalist keine Antenne. Allerdings hat er einige Begriffe der Ignoranz dafür auf Lager, etwa „Epiphänomen“, „Hypertelie“, „Luxurierungsphänomen“, „Fulguration“, „schwache oder starke Emergenz“ oder „Supervenienz“. Selbstheit jedenfalls findet er weder in seinem unglaublich kleinteiligen Molekülbaukasten, mit geradezu exotischen Molekülcocktails, noch in einem gröberen Organersatzteillager. Descartes glaubte für so etwas wie Selbstheit (beim Menschen) die Zirbeldrüse ausmachen zu können, weil deren Funktion damals noch nicht bekannt war. Tiere schienen so etwas gar nicht zu benötigen. Das waren komplexe Maschinen. Wenn ein Cartesianer etwa irrtümlich auf Kater Karlos Schwanz trat und der dann vor Schmerzen miaute, war das nur wie das Quietschen einer Maschine.

Aber noch einmal zu Waldi: Das „Ensemble“ Waldi besitzt nach Ansicht seines Frauchens ein Zentrum. Sie nennt es eben metaphorisch oder ganz direkt „Waldi“. Denn wenn sie „Waldi“ ruft, schimpft, säuselt oder auch brüllt, meinetwegen auch mit Kraftausdrücken garniert, die ich nicht wiedergeben möchte, fühlt sich genanntes „Ensemble“ zentral angesprochen und koordiniert daraufhin alle Teile, aus dem es besteht, für sein Frauchen meistens zu einem erwünschten Verhalten, oder, wenn Waldi eine Hundeschule besucht hat, auf jeden Fall. Wer aber ist der Koordinator? Natürlich das, was ich Selbstheit nenne. Ob sich diese Selbstheit bei höheren Wirbeltieren oder sogar bei hochentwickelten Tintenfischen schon in ein Selbstbewusstsein oder noch höher in ein Ichbewusstsein hinaufschraubt, bleibt eine spannende Frage. Der hartgesottene Naturalist, der seine vermessbare Welt bzw. seinen Methodenrahmen nicht verlassen oder ergänzen möchte, muss weiterhin mit seinen oben genannten Termini der Ignoranz vorliebnehmen, auch wenn es dann schon bei Tieren immer gespenstischer für ihn wird.

Zwei Perspektiven: von oben und von unten

Das ist nicht weiter verwunderlich, weil der Naturalist seine Erkenntnisse größtenteils an abgetötetem „Material“ gewinnt, wenn „es“ eben nicht mehr dieses „seltsame Benehmen der Lebendigkeit“ (Hans Jonas) aufweist. Oder wenn das nicht der Fall ist, untersucht er es auf Ebenen, etwa makromolekular in der Genetik oder auf einer weiteren Stufe, der Proteinsynthese. Auf beiden Stufen ist dieses Benehmen noch gar nicht aufgetreten. Beim Pantoffeltierchen, einer Beobachtungsperspektive, in der dieses Benehmen erstmals komplex auftaucht, lässt es sich durch Reizreaktionsmechanismen leicht erklären: Das Pantoffeltierchen meidet eben basische und saure Milieus im Wassertropfen. Wenn hochentwickelte Tiere die Beobachterperspektive des Naturalisten kreuzen, begegnen sie ihm häufig nur als das sprichwörtliche Versuchskaninchen. Dessen Lebendigkeit ist in dieser Perspektive eher störend. Soll es doch bloß dafür herhalten, um Hautcremes, Augentropfen, irgendwelche Kosmetika und weitere Substanzen zu testen. Legitimes Forschungsinteresse, das die Lebendigkeit des Tieres auf bloße Gegenständlichkeit mindern möchte, ist kaum mit einem artgerechten Umgang tierischer Subjekte zu vereinbaren. Wenn es nur um vorzeitiges Töten ginge und nicht um artfremde Manipulationen am lebenden Tier, wäre gegen ein Handeln am Tier aus naturalistischer Perspektive nichts einzuwenden.

Überhaupt versucht der Naturalist „Lebendigkeit“, so weit es nur irgendwie geht, zu ignorieren, indem er sich nur auf die physikalistische Perspektive beschränkt. Geht es aber um so komplexe Selbstheiten wie „Waldi „leidet“ unter der Abwesenheit von Frauchen“ (Hunde sind vorrangig personengebunden) oder „Karlo sucht „verzweifelt“ sein „Zuhause“ “, wenn er Katzenfängern glücklicherweise entwischt ist und kilometerweit „nach Hause“ unterwegs ist, dann wird es für einen Physikalisten anstrengend.

Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die „Trauer“ Waldis und das „Heimweh“ Karlos „von unten“ zu verstehen und nicht „von oben“. Was heißt das? Von unten bedeutet: Makromolekulare Funktionskreise werden wirksam als hormonale katalytische Hyperzyklen und interagieren so mit seiner Umwelt, möglicherweise gepaart mit dem „Feuern von Neuronen“. Von oben bedeutet schlicht: Waldi empfindet tatsächlich so etwas unserer Trauer Ähnliches oder das Verhalten Karlos ist offensichtlich so etwas wie Heimweh. Das geht für einen Physikalisten gar nicht. „Von oben“ nähern sich nur Pferdeflüsterer, Hundeversteher und Katzenstreichler, allerdings auch Verhaltensforscher: Das sind für manchen hartgesottenen Naturalisten aber auch schon „Geisterseher“. Frauchen bewegt sich natürlich ebenfalls nicht immer auf einem angemessenen philosophischen Parkett, wo Tiere hingehören.

So findet sie manchmal „von oben“ nicht das richtige Maß. So „oben“ ist Waldi nun auch wieder nicht, dass er einen Ehemann erübrigen oder ersetzen könnte. Ehemänner gehorchen bekanntlich nicht aufs Wort und sind schlechter zu ziehen. Fußnägel lassen sie sich übrigens in der Regel auch nicht lackieren, wenn Waldi eine Waltraud sein sollte und Frauchen mit ihr im Partnerlook ausgehen wollte.

Weil Hunde und Katzen es im Laufe der Zivilisationsgeschichte irgendwie geschafft haben, sich einen Menschen zu halten, haben sie eine Lobby, die sie vornehmlich – angemessen oder unangemessen - „von oben“ verstehen und nicht „von unten“. Geflügel, Schweine und Rindvieh haben das in diesem Ausmaß nicht geschafft. Sie stehen auf unserem Speisezettel. Sie begegnen uns daher vornehmlich als Schnitzel in der Pfanne oder in ihren Produkten, „gemolken“ in Milchtüten oder im Eierkarton aus der Legebatterie. Ihr Leben vor dem Tod, vor dem Eierlegen oder dem Gemolkenwerden interessiert allerdings immer mehr. Aus der Kreatur gänzlich für uns wird allmählich auch eine Kreatur für sich selbst, ein Wesen mit Selbstheit. Das „seltsame Benehmen der Lebendigkeit“ von Hans Jonas wird mit wachsendem ökologischem Bewusstsein dem ursprünglichen Lieferanten unseres Schnitzels in der Pfanne und den Produzenten unseres Frühstückseis und der Kaffeesahne auf dem Tisch zugestanden. Manchmal noch ganz eigensüchtig, dass das Tier, bevor es zum Konsumgut geworden ist, möglichst artgerecht „glücklich“ war und dadurch irgendwie keine Angst- oder Stresshormone – in Todesangst ausgeschüttet – noch in unserem Nahrungskreislauf gelandet sind. Wahrer Tierschutz achtet allerdings darauf, dass das Tier ganz für sich selbst „glücklich“ gewesen ist, so wie es seiner Art entsprochen hat.

Jedes Tier „schneidet“ sich nämlich sein eigenes Stück aus dem „Weltkuchen“ und versucht sich „darin“ wohl zu fühlen. Der Igel in einem Stück Igelwelt mit vielleicht leckeren Schnecken, die Fledermaus schneidet sich sicherlich ein noch viel exotischeres Stück aus dem Weltkuchen. Da ist die Metapher Kuchen schon falsch. Klangwelt wäre wohl richtiger. Möglicherweise könnte man sie mit einer Echolotschallplatte – wenn es die denn gäbe – ganz schön narren. Überhaupt, was sich wohl ein Buckelwal weltweit in den Ozeanen unter Wasser anhört und von sich gibt? Für uns wäre das sicherlich ein Spuk, vergleichbar mit manchen überraschenden Effekten aus einem Harry Potter-Film.

Tierexperimente führen bei einem so gelagerten Erkenntnisinteresse nicht weiter. Unsere Experimente sind nämlich auf Kausalursachen aufgebaut. In einer Tierwelt bestimmen aber Finalursachen Wohl und Wehe, Emotion und Kognition die Tiere. Tierexperimente eröffnen nur die Perspektive von unten und beantworten Fragen, die für uns von Interesse sind. Sie erhellen nur die Betriebsstruktur des betreffenden Tierorganismus, der reichlich verkürzt eher als Mechanismus in den Experimenten ansichtig wird. Gänzlich ungeklärt bleibt, wie das Tier sich in seinem „Weltstück“ fühlt, bewegt und es in Emotion und Kognition erlebt, sozusagen „von oben“ her in der Perspektive von Zielursachen. Das Tier strebt nach einem Zustand, der seine Betriebsstruktur zur Ruhe kommen lässt, für uns ersichtlich in einer Erscheinungsstruktur: Kater Karlo ruht im Winter auf einem weichen und warmen Kissen in der Nähe des Ofens, die Kuh Flecki liegt wiederkäuend auf einer saftigen Wiese und Dackel Waldi beschnüffelt alles und jedes auf einem Spaziergang. Karlo, Flecki und Waldi fühlen sich einfach nur wohl.

Die Kausalursächlichkeit der Betriebsstruktur hat offensichtlich im Dienste der Erscheinungsstruktur das finale Wohlbefinden von Karlo, Flecki und Waldi hergestellt. Hat das Wohlbefinden nun gezogen oder die komplizierte „Mechanik“ der Betriebsstruktur geschoben? Der Physikalist bzw. der Naturalist in seiner Perspektive von unten ist selbstverständlich der Auffassung, dass ausschließlich geschoben wird. Wenn man allerdings Kater Karlo im Winter so wohlig schnurrend auf seinem weichen Kissen am Kamin liegen sieht, ist er doch wohl kräftig gezogen worden, so wie unsereinen das Feierabendbier im Sommer in den Biergarten „zieht“. So falsch kann das doch nicht sein, oder?

Das Band der Lebendigkeit

Der amerikanische Romancier Walker Percy bietet in seinem Roman „Liebe in Ruinen“ eine Erklärung an. Er lässt einen seiner Protagonisten sagen, in der Seele des westlichen Menschen wuchere ein tiefer Abszess. Seit vor fast 500 Jahren Descartes mit seinem Dualismus zweier voneinander unabhängiger Substanzen den Körper vom Geist losgerissen habe, sei dies der Fall. Der Geist sei zu einem Gespenst geworden, das im eigenen Haus herumspukt. Percy wird aus Fernost in dieser Diagnose der westlichen Seele von dem japanischen Philosophen Keiji Nishitani bestätigt: „Jedes Ich wurde zu einer einsamen Insel, die auf einem Meer toter Materie trieb und gezwungen war, in der Abgeschlossenheit ihrer selbst zu verharren. Das Leben verschwand aus der Natur und den natürlichen Dingen und hörte auf, das lebendige Band zu sein, das den Menschen und die Weltdinge im Grunde zusammengehalten hatte.“

Für unser eigenes Verständnis täte es sicherlich gut, sich unserer leiblichen Verwandtschaft mit den Tieren zu erinnern. Die Einzigartigkeit unseres Geistes sollte allerdings nicht als ein Abstreifen tierischer Beschränkungen verstanden, sondern eher als göttliches Geschenk begriffen werden, von Gott selbst zu einer Partnerschaft gerufen worden zu sein. Papst Benedikt machte einmal – noch als Theologe Joseph Ratzinger – darauf aufmerksam, dass „die Menschwerdung Gottes [...] nicht ein Ergebnis des Aufstiegs des Menschen [sei], sondern ein Ergebnis des Abstiegs Gottes [ist]. Der Aufstieg des Menschen, der Versuch, es selbst zu schaffen, Gott aus sich hervorzubringen, den Übermenschen zu erreichen, dieser Aufstieg istschon im Paradies jämmerlich zerbrochen.“

Die neuzeitliche Versuchung, sich aus der Partnerschaft Gottes zu lösen und das Band der Lebendigkeit mit den Tieren zu negieren, birgt die Gefahr, dass wir uns am Anfang auf ein Etwas in der Petrischale reduzieren und uns am Ende in der Altenpflege kein Jemand mehr begegnet: In Japan kann es schon ein Pflegeroboter sein. Das „seltsame Benehmen der Lebendigkeit“ von Hans Jonas nicht zu verstehen oder genügend ernst zu nehmen, könnte in Extremfällen diese Formen zeitigen. All das wäre ein grandioses Selbstmissverständnis. Wir sind nun einmal dieses eigenartige Mischwesen von unten herauf und von oben herab (H. U. v. Balthasar): die Verwandten der Tiere, miteinander verbunden durch das Band der Lebendigkeit und andererseits von Gott aufgenommen in einen Bund der Liebe. Der Psalmist wusste schon vor dem Abstieg Gottes in die Keimbahn der Menschheit in der Frau aus Nazareth: „Nur wenig geringer als einen Gott, hast Du [den Menschen] gemacht“ (Ps 8,6). Unsere Stellung in der Schöpfung ist daher aus zweierlei Hinsicht herausragend: Mit unsereinem sollte uns der Bund der Liebe verbinden und mit den Tieren das Band der Lebendigkeit. Weil das so ist, müssen wir die Frage Gottes an Kain, „wo ist dein Bruder Abel“, auch abgewandelt auf unsere Mitgeschöpfe fürchten: „Mensch, wo ist dein Bruder Tier?“.

Zum Begriff „Naturalist“

„Naturalist“ ist im Artikel ein abstrakter Begriff. Damit ist weniger eine konkrete Person gemeint als vielmehr die Denkweise einer sich im engen naturwissenschaftlichen Korsett bewegenden Methodik. Sie unterscheidet sich allerdings vom alltäglichen Geschäft naturwissenschaftlicher Forschung dadurch, dass die Methodik der Erkenntnisgewinnung auch zur Hermeneutik des Weltverstehens gerät. Die notwendig quantitative, hypothetische und durch methodisches Falsifizieren gekennzeichnete naturwissenschaftliche Theorienbildung gehört zum allseits anerkannten und bewährten Handwerkszeug des Naturwissenschaftlers. Naturalistisches Denken allerdings ist dadurch charakterisiert, dass es in seinem Konzept von Wirklichkeit deren Reduktion auf die begrenzte Fragestellung nur ungenügend beachtet. Manche Naturalisten sind sogar der Ansicht, dass sich der Horizont ihrer Fragestellung mit dem der Wirklichkeit deckt. Stephen Hawking und Richard Dawkins scheinen so zu denken. Sie sind der Auffassung, dass ihre naturwissenschaftliche Methodik die Wirklichkeit fortschreitend exakt beschreiben kann. Was sich prinzipiell nicht objektivieren lässt, gibt es für sie nicht. Gott, Seele und Subjektivität sind dann bloße Begriffe ohne Wirklichkeitsbezug.

Helmut Müller

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