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„Nur die Kunst lässt hoffen.“ 1_2016

Ein Gespräch mit Brigitte Maria Mayer über ihren Film „Jesus Cries“ - die Fragen stellten HOLGER ZABOROWSKI und MARTIN W. RAMB

Das Wort Barmherzigkeit klingt für viele Menschen ziemlich altmodisch und ist in bestimmten Kontexten gar nicht mehr in Gebrauch. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Barmherzigkeit hören?

Ich bin eher mit einem Begriff wie „Gnade“ unterwegs. Bei Gnade fällt mir immer das Gleichnis vom verlorenen Sohn ein, der jederzeit die Chance erhält, zurückzukommen. Bei Barmherzigkeit denke ich aber an extreme Situationen: Würde ich meinem größten Feind in einer Situation helfen, in der er in Not geraten ist? Ich würde mir das jedenfalls von meinem größten Feind wünschen, wenn ich in einer hilflosen Lage wäre. Für einen Freund, der zu meiner Familie, zu sozusagen „meinem Haus“ gehört, bräuchte ich das Wort Barmherzigkeit vielleicht gar nicht. Das würde ich schlicht zum Anstand zählen. Barmherzigkeit ist doch was für Fremde, oder?

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Für den anderen Menschen, der mir zum Nächsten wird. Wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Meist sprechen wir von Barmherzigkeit bei Menschen, die in Not sind. Aber generell wird der Begriff kaum mehr verwendet, auch wenn viele Menschen beim Nachdenken spüren, dass wir Barmherzigkeit immer brauchen.

Ja, aber viele Wörter werden nicht mehr genutzt. Denn die christlichen Werte, worunter wir Barmherzigkeit ja auch zählen würden, haben sich stark verändert. Sie sind Teil unserer Rechtsordnung geworden. Wir berufen uns auf die Grund- und Menschenrechte. Fragen Sie mal jemanden auf der Straße, ob er weiß, woher die stammen. So vieles ist institutionalisiert worden. Wir sprechen trotzdem fortwährend über Gerechtigkeit, die vielleicht immer eine Utopie bleiben wird, vergleichbar der Barmherzigkeit. Aber wir sollten stets Gerechtigkeit vergegenwärtigen und auf sie hinarbeiten. Ähnliches gilt auch für vieles andere im Neuen Testament. Die andere Wange hinhalten, das ist auch eine Utopie. All das ist zu sehr in Gesetze gegossen worden und ist dadurch erstarrt. Ich glaube, dass es den Menschen Angst macht, weil sie glauben, diesen hohen Ansprüchen nicht genügen zu können. Daher denke ich, dass man dieses „Werte“ wieder mehr als Utopie formulieren sollte. So war es von Jesus wohl auch gedacht – als Handlungsoption, die man hat. So kann ich in einer bestimmten Situation mit Gewalt antworten, ich kann aber auch eine Spirale der Gewalt beenden. Ich habe eine Chance, in diesem Moment: Ich kann auch die andere Wange hinhalten.

Dennoch zeigen Sie Jesus in Ihrem Film als hart und kompromisslos ...

Ich glaube, dass man Jesus erst zu einem Softie gemacht hat. Und zwar ausschließlich in der westlichen Welt. Ich habe ihn nie als einen solchen empfunden. Wenn jemand wie Jesus für Gerechtigkeit einsteht, muss er ja irgendwann mal eine Wut gegenüber der Ungerechtigkeit verspürt haben. Wut gegen die Umstände. Ich würde nie sagen, dass man von Anfang an aus Liebe handelt. Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass alles Handeln am Ende vom Trauma herkommt, von einer Verletzung, einer Wunde. Bei Kafka heißt es sinngemäß: „Ich kam mit nichts anderem als einer schönen Wunde auf die Welt.“ Die Schmerzen, die darin stecken, sind die Verletzungen, die wir gesellschaftlich ignorieren. Der Blick auf den Schmerz ist aber jetzt gerade wichtig, weil wir uns in einem System bewegen, das so viele Verlierer und Verletzte produziert. Wir leben in einer zunehmend erbarmungslosen Gesellschaft.

Sie haben zu Beginn der Filmpremiere Ihres Films „Jesus Cries“ am Karfreitagabend in der Berliner Volksbühne gesagt: „Wir brauchen eine Synthese von Kommunismus und Katholizismus!“ Können Sie das erklären?

Ich glaube, dass dies zumindest eine Möglichkeit ist. Gegenüber dem römischen Staat war das Christentum ein Appell gegen die Ausgrenzung und gegen die Armut und für die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen. Und ich denke, dass der Kommunismus nicht so weit davon entfernt ist. Selbst Leute wie Rosa Luxemburg haben Jesus zitiert: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt. So ist z.B. Che Guevara so was wie ein moderner Heiliger. Ich glaube, man muss eigentlich erst einmal die Unterschiede wirklich definieren. Mein Satz stammt ja eigentlich von Heiner Müller. Es geht immer sozusagen um die Ausgrenzung und um die Utopie von Gerechtigkeit, und die gehört auch zum Kommunismus. Ich persönlich glaube, dass die Kirche im 19. Jahrhundert auf die Industrialisierung und die Bevölkerungsexplosion gar nicht vorbereitet war. Stattdessen haben die großen Ideologien die Umbrüche aufgenommen. Als diese dann gescheitert sind und ein Vaku- um zurückgelassen haben, erlebte die Religion einen Aufschwung. Eigentlich hätte die Religion eine große Aufgabe, ich sehe sie nur schlecht erfüllt. Daher finde ich, dass beides viel miteinander zu tun hat. Der Kommunismus ist eine Säkularisierung der Bergpredigt.

Wie denken Sie über Papst Franziskus, der versucht, auf die Flüchtlingskrise eine Antwort zu finden, und der auch der Politik zu zeigen versucht, wo ihre Aufgaben liegen.

Ich lese von ihm immer gute Zitate. Was Franziskus über den Kapitalismus sagt, klingt natürlich dem ähnlich, was Marx über den Kapitalismus sagt. Ich weiß nicht, inwieweit er sich gegen die vorgegebenen Strukturen durchsetzen kann. Aber es bleibt natürlich zu hoffen. Die ganz großen Änderungen wird es auch mit ihm nicht geben. Aber er kann damit anfangen, die Systemfrage zu stellen. Das wäre ganz wichtig. Es gibt doch kaum noch jemanden, der die Systemfrage zu stellen wagt. Letztendlich sind wir ja alle Götzenanbeter, Anbeter von Geld, Erfolg und Jugend geworden. Franziskus‘ Einsatz für Flüchtlinge ist natürlich ein schönes Zeichen. Man muss aber auch weiterdenken. Das ganze Flücht- lingselend ist ja im Grunde selbst gemacht: viel schlechte westliche Politik, westlicher Imperialismus und natürlich das Interesse an Rohstoffen. Ganz zu schweigen von dieser wahnwitzigen Idee, irgendwo Demokratie zu installieren, wo sie gar nicht funktioniert. Der Untergang des Osmanischen Reiches hat ein großes Vakuum hinterlassen. Die dortige Welt hat sich vom Kolonialismus bis heute nie erholt. Da bestehen eine alte Wut und alte Verletzungen, und diese kriegen wir jetzt nach Jahrzehnten geballt zurück.

Sehen Sie eine Hoffnung in unserer Gesellschaft?

Es muss ja noch etwas Anderes geben als das tägliche Leben, also diesen zweiten Raum. Und davon ist nicht viel übrig geblieben: Philosophie und Politik haben sich diskreditiert. Es bleibt derzeit eigentlich nur die Kunst, die hoffen lässt. Aber wo bleibt die Hoffnung in einer globalisierten Welt für alle?

Die Flüchtlinge haben noch eine Hoffnung. Sie hoffen auf ein besseres Leben und stoßen dabei auf eine Gesellschaft, die keine Hoffnung mehr kennt.

Die Gesellschaft ist saturiert. Man möchte nur noch festhalten. Das „System“ täuscht vor, paradiesisch zu sein. Verheißung ist in Werbung geronnen. Die Menschen, die zu uns flüchten, werden natürlich schnell feststellen, dass unsere Verheißung in der Werbung liegt und dass sie in einer Gesellschaft angekommen sind, die nicht religiös und erst recht nicht christlich ist. Man wird sehen, was daraus wird.

Das heißt, wir bräuchten neue Formen, um Jesu Botschaft von der Barmherzigkeit lebendig werden zu lassen?

Ich glaube, wir müssen auch einmal innehalten und über den gegenwärtigen Moment hinausschauen. Wenn man nur im Hier und Jetzt lebt, wird man verrückt. Man braucht also ein Gestern, Heute und Morgen, damit ich auch an andere Generationen denke. Irgendwie ist allerdings diese Geschwindigkeit, die Logik des „Höher, Weiter, Mehr“ nicht mehr aufzuhalten. Der Kapitalismus muss immer wachsen und Bedürfnisse produzieren, die nie befriedigt werden können. Davon lebt der Kapitalismus. Der Kapitalismus ist nun einmal die totale Mobilmachung. Das Christliche hat in der Geschichte den Kapitalismus vielleicht ein Stück weit gemildert und den „Fortschritt“ verlangsamt. Das ist aber mit dem Fall der Mauer ganz vorbei.

Sie haben die zukunftsweisende Rolle der Kunst betont. Die Kunst kann sicher Zeugnisse setzen, aber kann sie politisch auch wirksam werden?

Wirksamkeit ist ohnehin so eine Frage. Politisch und künstlerisch tätig zu sein, das ist einfach eine Lebenshaltung für mich: beobachtend zu bleiben, bewusst zu bleiben, im Widerstand zu bleiben, zweifelnd zu bleiben. Für mich ist es dabei wichtig, das Christliche, das Neue Testament mit meinem Film noch einmal lebendig werden zu lassen. Letztlich wird keine Politik mehr ganz ohne Theologie auskommen.

Das heißt, man muss doch überlegen, wie man das Politische noch verändern kann oder die Menschen in der Politik?

Ja, man muss das überlegen. Ich frag mich nur, ob so eine Bewegung nicht erst kommt, wenn es apokalyptisch wird und alles zusammenbricht. Gleichzeitig sehen wir die euphorische und empathische Hilfe für Flüchtlinge. Menschen, die in der Hilfe für Andere eine Chance für sich sehen, Sinn zu finden. Das ist ein interessantes Phänomen, das man weiter beobachten muss.

Wie hat denn Ihre Umgebung auf den Film „Jesus cries“ reagiert?

Bis jetzt habe ich von den Zuschauern fast nur positive Reaktionen erhalten. Auch wenn ich von alten Bekannten viel Unterstützung erfahren habe, habe ich gleichzeitig aber auch viel Kopfschütteln geerntet. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass viele Kinder von 68er-Eltern gegen Religion erzogen wurden. Sie hören so oft: „Gehen Sie mir weg, ich bin nicht bibelfest.“ Den Leuten ist das pein- lich. Das soll es aber auch. Denn man muss die Bibel kennen. Komischerweise haben viele Menschen, wenn sie „religiös“ hören, gleich immer negative Gedanken. Für den einen wird der Film religiös sein, für den anderen spricht aus dem Film eine Weisheit, die über das Trennende und Enge hinausgeht.

Letztlich ist die Barmherzigkeit im Neuen Testament so wichtig, weil Gott selbst barmherzig ist. Gleichzeitig ist er aber auch der Gerechte, der auch straft. Gehört beides vielleicht zusammen – die Barmherzigkeit und die Strafe?

Wenn man solche einschlägigen Stellen vor allem im Alten Testament liest, könnte man meinen, Gott sei beleidigt. Vielleicht ist er enttäuscht, weil er so sehr liebt. Dieses Gefühl kennen wir ja auch. Vielleicht ist Gott viel menschlicher, als wir denken.

Wir haben bislang viel über die Barmherzigkeit gegenüber anderen Menschen gesprochen. Brauchen wir auch eine Barmherzigkeit gegenüber der Schöpfung?

Diese Idee gefällt mir. Denn was geschieht, wenn wir alle WLAN haben, aber kein Wasser mehr, das wir trinken können? Wichtig ist, sich zu fragen, was man eigentlich braucht, gleichzeitig aber auch zu schauen, wo ein ungesunder Minimalismus oder eine ungesunde Askese aus Schuld heraus anfängt. In einer neuen Form der Genügsamkeit könnte die Zukunft liegen, dabei muss dieser Lebensstil der neuen Genügsamkeit nicht grau sein. Leben muss attraktiv sein.

Haben Sie selbst schon mal Barmherzigkeit erfahren?

Ich hab immer wieder Glück gehabt. Auch wenn ich es nicht immer so leicht gehabt habe, gab es an entscheidenden Punkt meines Lebens immer wieder Menschen, die mir geholfen haben. Insofern habe ich das Gefühl, dass ich einen kleinen Segen habe.

Vielen Dank, Frau Mayer, für unser Gespräch!

 

Brigitte Maria Mayer, geb. 1965, ist eine deutsche Fotografin, Filmemacherin und Produzentin. Studium der Fotografie und Performance an der Hochschule für Visuelle Kommunikation in Kassel. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Wichtige Veröffentlichungen: Heiner Müller, Der Tod ist ein Irrtum. Bilder, Texte, Autographen, hrsg. von Brigitte Maria Mayer (2005); Anatomie Titus / Fall of Rome. Katalog zur filmischen Installation (2009); Passionsspiele Oberammergau (2010).

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