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Ertrunken im Mittelmeer 1_2016

Reinhard Kleists Graphic Novel über die somalische Läuferin Samia Yusuf Omar

Peking, Olympische Sommerspiele 2008: In der Vorrunde des 200 Meter-Laufes tritt für Somalia Samia Yusuf Omar an. Gegen die muskulösen Athletinnen im Hightech-Dress hat die schmächtige 17-jährige Samia im lockeren T-Shirt keine Chance. In persönlicher Bestzeit erreicht sie weit abgeschlagen das Ziel – und wird doch vom Publikum gefeiert. 2012 ertrinkt sie im Mittelmeer. Was ist in diesen vier Jahren geschehen?

In der Absicht, „einem Gesicht aus der Menge eine Geschichte zu geben“, erzählt Reinhard Kleist das Leben der Samia Yusuf Omar zwischen 2008 und 2012 – und zwar auf ca. 130 Seiten gezeichneter Bilder, als Comic.

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Der kurze Prolog versetzt nach Mogadischu, wo die Mutter Samias mit Verwandten den Lauf ihrer Tochter verfolgt. Der erste, ca. 40 Seiten lange Teil des Buches beginnt mit dem herzlichen Empfang der Athletin und handelt von den widrigen Lebensumständen, die Samias Traum, bei den Olympischen Spielen 2012 in London starten zu können, bedrohen: Weil die Mutter auf dem Markt arbeiten muss und die Schwester nach Europa geflüchtet ist, muss Samia die Kinder betreuen; sie trainiert im einst prächtigen, aber im Bürgerkrieg zerstörten Stadion. Auf den Straßen patrouillieren Al-Shabaab-Milizionäre, die aus Somalia einen islamischen Staat mit strenger Auslegung der Scharia machen wollen. Sie haben bereits Samias Vater erschossen und drohen ihr mit der Begründung, dass laufende Frauen das Land und den Propheten beleidigen. Um ihren Traum von Olympia zu realisieren, zieht sie zu ihrer Tante Mariam nach Addis Abeba, um dort professionell trainieren zu können; sie wird, weil sie eine Frau ist, nicht zugelassen. Daraufhin beschließen Samia und Mariam, gemeinsam nach Italien zu flüchten, betteln von Verwandten Geld zusammen und lassen sich auf selbstherrliche Schlepper ein, die sich ihre Dienstleistungen ohne eine Erfolgsgarantie im Voraus bezahlen lassen.

v Der zweite, mit knapp 80 Seiten umfangreichste Teil dreht sich um die dramatische Flucht, die im stickigen Bus bis an die Grenzen zum Sudan führt und die beiden Frauen bei einer Grenzkontrolle trennt. Weiter führt Samias Weg per Fuß bei sengender Hitze durch die Wüste, dann im geschlossenen LKW nach Karthum und nach wochenlangem Aufenthalt weiter im überfüllten Pickup nach Libyen, wo sich nach dem Sturz Gaddafis rivalisierende Milizen bekriegen. Die Flüchtenden werden ausgeraubt und Samia erst nach drei Monaten Gefangenschaft gegen Zahlung eines Lösegeldes frei gelassen.

Von Tripolis aus scheitert ein erster Fluchtversuch mit dem Schiff und endet im Gefängnis. Später begegnet sie zufällig Mariam; zusammen erbetteln sie das Geld für einen zweiten Fluchtversuch: Die bewaffneten Schlepper zwingen sie zusammen mit weiteren Flüchtlingen auf ein völlig überfülltes Schlauchboot. Eine längere Sequenz bebildert die gefährliche Passage: Die Auseinandersetzung unter den Flüchtenden, der plötzlich aussetzende Motor wegen fehlenden Treibstoffs und endlich das Licht eines entfernten Schiffes... Ein kurzer Epilog beendet das Buch: Mit tränenreichen Worten verkündet ein Nachrichtensprecher, dass Samia bei dem Versuch, den rettenden Frachter zu erreichen, im Mittelmeer (bei Malta) ertrunken ist.

Der 1970 geborene, freischaffende Comiczeichner und Illustrator Reinhard Kleist hat für das Schicksal seiner tragischen Heldin Samia die Form einer Graphic Novel gewählt. Unter Graphic Novel versteht man Comics in Buchform, die eine komplexe Geschichte erzählen und sich deshalb eher an ein erwachsenes Publikum richten. Spätestens seit Art Spiegelmans „Maus“ (1986, 1991) – in der der Verfasser die Geschichte seines Vaters, der Ausschwitz überlebte, erzählt – wird auch in Deutschland die Graphic Novel als eine ernsthafte zeichnerische Gattung wahrgenommen.

Kleists Bildererzählung erschien zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Fortsetzung und wurde für die Buchausgabe überarbeitet. Die in Schwarz, Weiß und Grau gehaltenen Buchseiten sind abwechslungsreich gestaltet. Es gibt ganzseitige Bilder, Seiten mit drei bis vier Panels mit eins bis vier Einzelbildern, einige mit, andere ohne Rahmen. Manche Seiten kommen ganz ohne Sprechblasen aus, wie die bedrückende Fahrt auf dem Mittelmeer. Immer wieder sind Facebook-Einträge eingeblendet, die notwendige Informationen einblenden. Samia kommunizierte während ihrer Flucht über Facebook mit Verwandten und Freunden, so dass der Comic im Wesentlichen Samias Weg wirklichkeitsgetreu widerspiegelt.

denen er sein Buch vorstellt, stark auf die gezeichneten Bilder reagieren: „Es bietet in seiner Vereinfachung eine größere Fläche für die Identifikation mit der Hauptfigur [als Fotos].“ Jugendliche wie erwachsene Leser werden Zeugen, wie der Lebenstraum einer 21-jährigen Frau scheitert: Im ganzseitigen Schlussbild (des zweiten Teils) überquert Samia gerade die Ziellinie, eine Blase über ihrem Kopf formuliert ihre Zukunftshoffnung: „Man ist schneller als alle und keiner kann einen einholen. Und dann kommt man zum Ziel und reißt die Arme nach oben und das ist wie ... das Paradies.“ (136) Kleist macht nicht nur die Leser tief betroffen; mit dem Tuschestift hat er Samia ein Denkmal gesetzt.

In diesem Jahr hat der Autor den katholischen Kinder- und Jugendbuch-Preis erhalten. In seiner Dankesrede stellt er heraus, dass junge Menschen, denen er sein Buch vorstellt, stark auf die gezeichneten Bilder reagieren: „Es bietet in seiner Vereinfachung eine größere Fläche für die Identifikation mit der Hauptfigur [als Fotos].“ Jugendliche wie erwachsene Leser werden Zeugen, wie der Lebenstraum einer 21-jährigen Frau scheitert: Im ganzseitigen Schlussbild (des zweiten Teils) überquert Samia gerade die Ziellinie, eine Blase über ihrem Kopf formuliert ihre Zukunftshoffnung: „Man ist schneller als alle und keiner kann einen einholen. Und dann kommt man zum Ziel und reißt die Arme nach oben und das ist wie ... das Paradies.“ (136) Kleist macht nicht nur die Leser tief betroffen; mit dem Tuschestift hat er Samia ein Denkmal gesetzt.

Thomas Menges

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