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Zur Entschiedenheit gerufen 1_2016

Eine kleine Didaktik über Fluchtgeschichten im Religionsunterricht der Primarstufe

Mit-Sein statt Nebenher-Sein

Doaa ist auf der Flucht. Zuerst führt sie diese mit ihrer Familie aus Syrien nach Ägypten in eine Existenz ohne Perspektive. Verlobt mit Bassem, der sein letztes Erspartes für eine von Schmugglern organisierte Überfahrt in einem überfüllten Fischerboot nach Europa aufbringt, hofft sie auf ein besseres Leben. Während der zermürbenden Überfahrt verliert sie jegliche Hoffnung. Nach vier Tagen sollen die Zusammengepferchten auf offener See in ein seeuntaugliches Boot umsteigen. Die Flüchtigen weigern sich. Erbost bringen die Schlepper das Boot zum Kentern. Unter Deck gefangen, finden mehrere Hundert Menschen binnen weniger Minuten den Tod. „Ich hörte, wie Menschen schrien, und sah, wie ein Kind vom Propeller in Stücke zerrissen wurde.“ Doaa klammert sich an einen Rettungsring, den sie von ihrem Verlobten erhält. Um sie herum schwimmen unzählige Leichen. In der Nacht verlieren weitere Menschen die Kraft und ertrinken. Vor seinem Tod übergibt ein Mann Doaa seine neun Monate alte Enkelin Melek. In derselben Nacht muss Doaa zusehen, wie auch die Kräfte ihres Verlobten nachlassen und er ertrinkt. Trotz des Geschehenen nimmt sie am folgenden Tag ein weiteres Kind auf, die 18 Monate alte Masa. Verantwortlich für zwei Kleikinder, treibt Doaa weiter auf dem Meer, bis sie durch ein Handelsschiff gerettet wird. Melek stirbt noch an Bord. Masa überlebt.

Die von der UNO-Flüchtlingshilfe dokumentierte Geschichte Doaas ist nur eine der unzähligen Biografien jener Menschen, die sich aufgrund von Terror und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf den Weg ins Ungewisse machen. Hinter Geschichten, die von Mut, Kraft und Hoffnung zur Gestaltung einer besseren Zukunft zeugen, stecken nicht selten tragische Erfahrungen. Es sind Zeugnisse und Begegnungen mit Menschen und deren Geschichten, die den umstrittenen Schweizer Aktivisten Jean Ziegler zu seiner radikalen Aussage veranlassen: „Ich argumentiere vielleicht etwas radikaler, weil ich die Opfer kenne.“ Durch den Kontakt mit individuellen Geschichten oder noch unmittelbarer, durch die Begegnung mit Menschen, die ihre Geschichten erzählen, geschieht etwas, dem sich der Zuhörer nicht entziehen kann. Aus der diffusen Not vieler Menschen wird die konkrete Not des Einzelnen. Vielleicht wird dann begreiflich, was Kant als Konsequenz seines kategorischen Imperativs formulierte: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“

Ziele für die religionspädagogische Arbeit

Überführt man diese Beobachtungen in den religionspädagogischen Prozess, ergibt sich hieraus zweierlei: Die Begegnung erzeugt eine konkrete Anforderungswsituation, welche nicht einen Versuch der Lösung im Großen abverlangt, sondern zur Sensibilisierung im Umgang mit dem Einzelnen und zur Hilfe aufruft. Es geht nicht gleich um den Versuch, Antworten auf komplexe Probleme zu finden, sondern mit Menschen selbst Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Alles andere würde entweder überfordern und zu einer resignativen Haltung führen („Das liegt nicht in unserer Hand...“) oder utopische Vorschläge zur Bewältigung hervorrufen, die den individuellen Geschichten oder der Komplexität des größeren Zusammenhangs nicht gerecht würden („Man müsste nur...“). Gleichzeitig verdeutlicht die Begegnung mit den Einzelnen, welche Grenzen und Gestaltungsräume mir als Mitmenschen gegeben sind. So kann ich, selbst wenn ich es wünschte, nichts von dem ungeschehen machen, was mein Gegenüber erlebt hat. Es verschlägt mir die Sprache. Was bleibt, ist jedoch das Mit-Sein im Gegensatz zu einem bloßen Nebenher-Sein.

Dennoch bleibt zu bedenken, dass auch die Begegnung mit dem Menschen durchaus die Gefahr birgt, Einzelschicksale miteinander zu vergleichen. Was sagt mir Doaas Geschichte über die Flucht anderer Menschen? Ist Doaas Widerfahrnis singulär oder das Schicksal Vieler? Hier können Strategien zugrunde liegen, die das Leid des Einzelnen oder vieler Menschen zu relativieren versuchen. Dabei wäre es in diesem Zusammenhang mehr als zynisch, wollte man ein qualitatives Urteil über das individuell erfahrene Leid, das jeden einzelnen dieser Wege begleitet, fällen. Dennoch ruft die Geschichte Doaas nicht in seltenen Fällen Reaktionen hervor, welche die erfahrene Not zwar nicht in Frage stellen, wohl aber Kritik an der Weitergabe der Erzählung üben. Sie vermuten hinter dieser populistische Meinungsmache, welche die Gefühle der Menschen ausnutzt, um für bestimmte Ideologien eine Lanze zu brechen. Wieder andere sehen in der öffentlichen Rede von Einzelschicksalen eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Notleidenden oder empfinden eine solche Thematisierung als pietätlos. Ebensolche Reaktionen rief das Graffito des ertrunkenen Aylan Kurdi (vgl. Titelseite) und, in der Öffentlichkeit noch breiter diskutiert, die fotografisch festgehaltene, nachgestellte Version am Strand von Lesbos durch den chinesischen Künstler Ai Weiwei hervor. Hier vermuten nicht wenige Kommentatoren, dass der Künstler seine Aufmerksamkeitssucht auf Kosten des verstorbenen Jungen auf eine Weise befriedigt, die Übelkeit hervorruft. Unbeschadet der Möglichkeit eines kalkulierten Tabubruchs zum Erhaschen von Beachtung ließe sich demgegenüber ebenso argumentieren, dass erst die Kritik als solche den Diskurs weg vom Bildthema hin zum Künstler führt; sie dadurch eben das produziert, was sie an der Kunstaktion zu entlarven meint: Beachtung für den Künstler. Ferner lässt sich die Anfrage stellen, ob hinter manchen Abwehrhaltungen gegenüber der Darstellung von Einzelschicksalen eine mehr oder weniger bewusste Distanzierungsstrategie steckt: ein psychischer Schutzmechanismus, der die Leiderfahrungen auf Abstand hält. Mag diese Verfahrensweise gewissermaßen menschlich notwendig für die Bewältigung des Lebens sein, vermuten Aktionisten wohl nicht ganz grundlos, dass sich viele Menschen hinter dieser bequem in ihrer eigenen Welt eingerichtet haben. Die unangenehmen Geschichten und Bilder, welche die radikal in Frage gestellte Menschlichkeit transportieren, sollen den Rezipienten aus der Wohlfühlzone zur Auseinandersetzung mit der Thematik, Dialog und Entschiedenheit aufrufen.

Für die religionspädagogische Arbeit in der Primarstufe lassen sich aus diesen Überlegungen Ziele ableten. Jedoch besteht ein wichtiger Unterschied darin, dass Schüler in diesem Alter nicht aus einer „Wohlfühlatmosphäre“ gerissen werden dürfen und müssen, da sie in der Regel bereits sehr sensibel für Gerechtigkeit und das Wohlergehen von Menschen sind.

Das mag auch daran liegen, dass sie Geschichten und Bildern viel unmittelbarer als Erwachsene begegnen. Hier ist der Zugang der Lehrkraft dem des Aktivisten entgegengestellt: Statt aus dem Schlaf zu reißen, soll behutsam sensibilisiert werden. Gleich bleiben jedoch die weiteren Zielsetzungen; auch der Religionsunterricht möchte Schüler zu einer Auseinandersetzung anleiten, die Dialogfähigkeit fördern und zur Entschiedenheit aufrufen. Die Anknüpfungspunkte an fachspezifische und allgemeine Kompetenzen, welche im Religionsunterricht der Grundschule entwickelt werden sollen, treten hier deutlich zu Tage.

Unterrichtsmaterialien

Aus genannten Gründen wird deutlich, dass mit dem eingangs erwähnten Zeugnis Doaas oder Fotos eines ertrunkenen Jungen weder eine altersgerechte Auseinandersetzung noch eine achtsame Sensibilisierung erreicht wird, dass jedoch personenbezogene Erzählungen durch ihre Konkretheit eine notwendige Komponente des religionspädagogischen Bemühens darstellen. Die Aktualität der Thematik erzeugt ein Angebot unzähliger Arbeits- und Unterrichtsmaterialien, die Anregungen für die Gestaltung einer Unterrichtsreihe zum Thema Menschen auf der Flucht bieten. Im Aufbau greifen viele der Arbeitsmaterialien auf das erwähnte Konzept zurück, das die Geschichte eines Kindes auf der Flucht ins Zentrum rückt. Hierzu zählen die Handreichungen von Misereor, Younicef, Terre des Hommes oder dem Zivilen Friedensdienst, die kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden können. Sehr ausführlich sind die Themenhefte des Kindermissionswerk Sternsinger: Das Heft „grenzenlos: Kinder auf der Flucht“ verfolgt die Fragen, was es für Kinder bedeutet, fliehen zu müssen, fremd zu sein und neu anzufangen, anhand der Geschichte Aladines und Lindas aus dem Kongo. Einen ähnlichen Weg schlägt das aktuelle Sternsingerheft „Verlorene Heimat“ ein, in dem drei Kinder von ihrer Flucht erzählen. Außerdem nimmt das Heft Chancen in den Blick, wie Kinder Geflüchteten helfen können. Beide Hefte können kostenlos auf den Internetseiten des Kindermissionswerks bestellt werden.

Kurzfilme

Neben den klassischen Ganzschriften, die im Beitrag von Mirjam Zimmermann vorgestellt werden, verarbeiten auch kindgemäße Kurzfilme Narrationen von Kindern auf der Flucht und deren Leben in der Fremde. In der Kurzfilmreihe „Zuflucht gesucht“ (www. planet-schule.de) berichten fünf Flüchtlingskinder unterschiedlicher Herkunft über ihren Weg.

Hierbei zeichnen sich die Filme gerade dadurch aus, dass sie Perspektiven für das Zusammenleben aufzeigen und die Kinder als träumende, hoffnungsvolle Menschen darstellen. Durch die kurzen Spiellängen, die einfache Sprache und ausdrucksstarke Trickfilmgestaltung finden auch Schüler der Primarstufe Zugang zu den Geschichten der Kinder. Die direkte Bildsprache und der gestalterisch durchdachte Einsatz von Farben, Dunkelheit und einfachen Symbolen lässt sich im Unterricht sehr gut mit „Stills“ arbeiten und mit diesen individuelle Arbeitsblätter erstellen. Ferner bietet das Online-Angebot von planet-schule weiteres Unterrichtsmaterial, das zwar für den Deutschunterricht ausgewiesen ist, aber durch die Thematik ebenfalls im Religionsunterricht eingesetzt werden kann. Ein weiterer Vorteil, den das Schulfernsehen bietet, ist, dass die Sendungen vollständig heruntergeladen werden dürfen und die Aufführrechte im Kontext Schule gesichert sind – so verhindern weder eine fehlende Internetverbindung noch juristische Hürden den Einsatz in der Praxis.

Computerspiele

Mit der zunehmenden Bedeutung multimedialer Inhalte finden auch ernsthafte Themen Eingang in Computerspiele (siehe Artikel "This War of Mine). Während sich die Mehrzahl der interaktiven Medienangebote an Jugendliche richten, bietet die Internetseite der Sternsinger das Browsergame „Atu auf der Flucht“, das sich dezidiert an Kinder im Grundschulalter richtet. Das Spiel ist im Stil eines sehr einfachen Point-and-Click-Adventures aufgebaut. Anwählbare Bildbereiche erhalten bei einem Mouse-Over gut sichtbare Konturen, sodass auch Kinder mit wenigen Computerkenntnissen keine Probleme bei der Bedienung haben sollten. Grafisch ist es in einem Comicstil gehalten, der sich an Kinderbüchern orientiert. Der narrative Verlauf wird durch erzählende Stimmen entfaltet, sodass kaum Text am Bildschirm gelesen werden muss. Gesprochene Dialoge können bei Missverstehen durch die wiederholte Anwahl der auslösenden Bildbereiche auch mehrmals gehört werden. Im Spiel reist der Betrachter interaktiv nach Afrika in ein Flüchtlingslager. Das Abspielen von Hintergrundgeräuschen und eines in bildhafter Sprache vorgetragenen Erzähltextes hilft eine entsprechend dichte Atmosphäre zu schaffen. Nach der Begegnung mit vielen Menschen berichtet Atu von seiner Flucht, wie er von seiner Familie getrennt wurde und er es ins Flüchtlingslager schaffte. Dabei muss der Spieler dem Jungen bei seiner Flucht helfen: wichtiges Hab und Gut in seinen Rucksack räumen oder einen sicheren Weg in Sicherheit suchen. Er begegnet Zerstörung, resignierten Menschen und an der Grenze zum Nachbarland Grenzsoldaten, die er bestechen muss. Der Zielgruppe angemessen, gibt es in diesem Spiel kein Scheitern, nur ein Erkunden der Möglichkeiten, die zur Auswahl stehen. Die Begleitumstände des Entkommens und die Bedingungen im Flüchtlingslager werden ebenfalls abgemildert dargestellt: Atu kommt gleich bei einem jungen Paar in einer Hütte unter, Lebensmittel gibt es stets ausreichend und manche Familien können sich gar selbst versorgen. Dennoch werden die Kinder behutsam an die missliche Versorgungslage und Lebensqualität herangeführt. Zum Abschied können die Kinder Atu ein Gebet oder eine Nachricht hinterlassen. Begleitend zum Computerspiel bietet das Missionswerk der Sternsinger ein ausführliches Dossier 11 , den Verweis auf die Kinderdokumentation „Willi im Flüchtlingslager“ und weiteres Material für die Schule.

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Die angesprochenen Beispiele unterschiedlicher Medientypen stellen nur einen kleinen Teil dessen dar, was Lehrerinnen und Lehrern der Primarstufe für die Gestaltung des Unterrichts zur Verfügung steht. Bücher wie „Akim rennt“ oder Kurzfilme wie „Zuflucht gesucht“ zeigen deutlich, dass es durchaus möglich ist, das erschütternde Schicksal vieler Menschen medial kindgemäß aufzubereiten, ohne die radikale Infragestellung der Menschlichkeit zu relativieren. Mithilfe der Medien kommen viele Aspekte zum Ausdruck, die sonst unaussprechlich oder zu vage blieben. Sie geben der Lehrkraft Mittel an die Hand, die das Thema in seiner Bedeutsamkeit aufscheinen lassen und bearbeitbar machen. Hierzu muss jedoch auch die Lehrkraft selbst den Mut aufbringen, sich den einzelnen Geschichten zu öffnen; Akim auf seiner Flucht zu begleiten und sich mit Wildfang auf die Suche nach neuen Freundinnen zu machen. Ein Auslassen des Themas in der Grundschule würde dieses Zeichen unserer Zeit ignorieren und die Schüler mit der Welt, die ihnen begegnet, allein lassen. Dies bedeutet zugleich, dass Ängsten Raum gelassen wird, deren Auswüchse gesellschaftlich und politisch über Landesgrenzen hinweg feststellbar sind. Das Aufgreifen der Thematik macht hingegen deutlich, dass der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach einen wichtigen Beitrag zum Schulauftrag leistet; wenn er im Anschluss an das biblische Zeugnis zur Entschiedenheit anleitet und motiviert. Till Magnus Steiner konstatiert, dass die Bibel eine Sammlung unzähliger Flüchtlingsschicksale (Abraham, Mose, Jesus) ist, die aufgrund dieser Erfahrungen und dem zuvor ergangenen Zuspruch Gottes dazu auffordert, Menschen auf der Flucht (Fremde) als Teil der Gesellschaft anzusehen (Ex 20,10) und einen Fremden zu lieben wie sich selbst (Lev 19,34). Die Verwirklichung die ses Anspruchs findet primär nicht im großen Rahmen, sondern vor allem im sozialen Nahraum der Schule statt. Wie der vierjährige Niklas auf die Frage, ob es im Kindergarten Ausländer gibt, selbstverständlich zu verstehen gibt: „Nein, da sind Kinder!“

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