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„Die Quelle für meine theologische Bildung im Moment ist das Leben“  2_2016

Ein Gespräch mit Bischof Dr. Georg Bätzing

Sie hatten zwischen ihrer alten Aufgabe als Generalvikar in Trier bis zu Ihrer neuen Aufgabe hier im Bistum Limburg eine kleine zeitliche Lücke, die Sie zum Wandern genutzt haben. Was ist Ihnen beim Wandern durch den Kopf gegangen?

Die schönste Erholung geschieht ja dann, wenn der Kopf frei wird. Mir gelingt das beim Wandern ganz gut, wenn man den Körper fordert. Seit Jahren sind wir als Gruppe aus Freunden unterwegs. Wir haben ein paar Touren auf Gipfel gemacht. Da denkt man erst mal gar nichts, außer Schritt für Schritt, dann schaffst Du auch die 700 Höhenmeter, und dann wieder Schritt für Schritt, dann kommst Du wieder den Berg runter. Das war eigentlich das Schöne, den Kopf einmal frei zu bekommen.

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Sie sind Westerwälder. Sie kommen aus dem Teil des Westerwalds, der im Bistum Trier liegt, aus Niederfischbach. Wir möchten Ihre frühen Erinnerungen ein wenig anzapfen – als Sie noch Schüler waren. Sie hatten ja sicherlich in Ihrer Kindheit und Jugend Religionsunterricht. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?

Ich bin in Niederfischbach zur Grundschule gegangen und habe eine starke Erinnerung daran, dass ich noch in die katholische Volksschule eingeschult wurde. Erst im vierten Schuljahr kamen evangelische Schülerinnen und Schüler dazu. Eine gute Freundin hat mir dazu erst neulich gesagt, dass wir die evangelischen Schüler erst mal auf dem Schulhof prüfend angeguckt haben, ob sie überhaupt Schüler wie wir waren. Heute unvorstellbar. In meiner Biographie war das noch so. Dann kam ich nach Betzdorf auf das Gymnasium. Der Einzugsbereich dieses Gymnasiums war konfessionell ganz stark unterschiedlich – katholische, evangelische und ganz viele freikirchliche Gläubige aus dem Daadener Tal, das geht bis auf den Stegskopf hoch. Besonders prägend war für mich die Erfahrung, wie stark gerade die evangelischen Mitschüler an Fragen des Glaubens interessiert waren und wie sehr sie mich hier involviert haben. Der Religionsunterricht war gut. Wir hatten auch einen Priester an der Schule. Aber die entscheidenden Fragen wurden bei uns in den Pausen- und Freistunden besprochen. Da haben wir ganz viel diskutiert und das lebt immer wieder auf, wenn wir Abiturtreffen haben – im letzten Jahr 35 Jahre –, und man merkt, dass diese Fragen uns noch immer umtreiben.

Wir gehen nun von Niederfischbach nach Koblenz, wo sie als Kaplan tätig waren und sicherlich Religion unterrichtet haben. Als Priester ist man ja an einer säkularen Schule in gewisser Weise ein Exot. Welche Erfahrungen haben Sie von dort mitgenommen, auch für Ihren priesterlichen Dienst?

Nun ich bin sehr gerne als Lehrer in die Schule gegangen. Ich war sowohl in der Grundschule als auch in der Hauptschule tätig. Die Hauptschule war damals schon nicht ganz einfach. Hier habe ich einen hohen Respekt für Menschen gelernt, die dort ihr berufliches Leben als Religionslehrer, aber auch in allen anderen Fächern verbringen. Es ist harte Arbeit, dort seine Frau, seinen Mann zu stehen. Das bedeutet ganz viel. Das ist das Erste. Ich glaube, wir waren sehr gut vorbereitet. Während unserer Ausbildung genossen wir eine ziemlich harte religionspädagogische Schule. Herr Dr. Ritgen in Trier, der leider schon lange verstorben ist, hatte uns im Hinblick auf die Elementarisierung des Stoffs – als Grundkonzept – sehr genau herangenommen. Er hat uns sozusagen von den Höhen des Theologiestudiums zu den Höhen der religionspädagogischen Umsetzung geführt. Aber wir haben uns dieser Herausforderung gestellt. Das war ein ziemlich harter Weg im Pastoralkurs. Diese Erfahrung hat uns wirklich in die Lage versetzt, einen Religionsunterricht zu erteilen, der auch für Schülerinnen und Schüler sinnvoll und hilfreich ist, die ziemlich weit weg sind von Kirche. Die Stunden in der Hauptschule waren nie einfach. Sie erforderten eine sehr gute Vorbereitung. Ich bin zwei Kolleginnen sehr dankbar, die das Fach Religionsunterricht an der Schule hochgehalten haben und eine hohe Reputation im gesamten Kollegium besaßen. Mit ihnen konnte ich mich sehr gut austausche und habe das auch genutzt. Viele Schülerinnen und Schüler haben mich auch persönlich aufgesucht, wenn sie irgendwelche Fragen oder Probleme hatten. Man wusste damals noch, wo der Kaplan zu finden war, und konnte einfach klingeln. Da habe ich gemerkt: Du bist offenbar bei ihnen, du hast irgendeine Nähe zu den Schülern, die du nicht ohne Weiteres inhaltlich beschreiben könntest, aber da gelang ein Brückenschlag.

Die schulische Situation der 1980er Jahre unterscheidet sich nochmal radikaler von der heutigen. Schule wird ja, gerade im Hinblick auf Ganztagsschulen, zunehmend zu einem Lebensraum. Sie ist schon lange mehr als eine Agentur der Wissensvermittlung. Wo sehen Sie die Chancen des Religionsunterrichts unter den heutigen Bedingungen?

Ich erlebe unter den Bedingungen, wie sich Schule heute darstellt, auch mit Blick auf die Ganztagsschulen und die Schwerpunktschulen, dass es fast nicht mehr möglich ist, den Brückenschlag von pastoraler Arbeit und Schule zu machen. So wie ich es noch erlebt habe, dass der Kaplan selbstverständlich in die Schule geht, findet das kaum noch statt, weil Pfarrei und Schule zwei so fordernde Systeme sind. Das ist ein großer Verlust sowohl für jene, die in der Pastoral stehen, als auch für Schülerinnen und Schüler, die dadurch kaum noch Gelegenheit haben, ihre Seelsorger und Seelsorgerinnen kennenzulernen. Es ist aber Realität. Daher bauen wir sehr viel mehr auf die mit Missio ausgesandten Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die ja inhaltlich und fachlich ausgezeichnet ausgebildet sind. Wir müssen die Menschen ausrüsten, die den Religionsunterricht dann gestalten. In dieser Perspektive räume ich dem Religionsunterricht nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert ein. Der Religionsunterricht ist innerhalb des Schulsystems, das ja unter einem hohen Leistungsdruck steht, sozusagen ein Andersort – man spricht heute auch von der Heterotopie. Menschen sollten ein Stück weit einfach einmal etwas Anderes erleben können. Das bekommen, glaube ich, viele unserer Kollegen und Kolleginnen gut hin: Sie führen junge Leute an Fragen heran, die nicht in erster Linie inhaltsorientiert sind, sondern vielmehr die Sinnfrage berühren. Ich meine dies nicht im Sinne der Katechese. Religionsunterricht und Katechese sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber in einer inhaltlich unterfütterten Offenheit, die jungen Leute geistig in Bewegung zu bringen und Fragen zu stellen.

Ist oder kann Schule in dieser Perspektive noch ein kirchlicher Ort sein?

Die Schule ist ein ganz eminent wichtiger kirchlicher Ort. Ich komme gerade aus der Erfahrung einer Diözesansynode und da haben wir das noch einmal festgestellt. Nicht nur im Hinblick auf die vielen Ressourcen, die wir in diesen Bereich investieren – durch Aus- und Weiterbildung, auch Sie durch das Magazin Eulenfisch –, sondern gerade als Chance. Denn wo treffen Frauen und Männer der Kirche noch auf so viele junge Leute, ungefiltert. Das müssen wir als Chance ganz deutlich nutzen. Die Schule ist ein ganz wichtiger kirchlicher Ort.

Ihr Engagement im kirchlichen Bildungsbereich umfasste auch den Bereich der Akademien und der Erwachsenenbildung. In welcher Weise können diese Bildungsträger ein Instrument für die Pastoral bzw. das pastoral-liturgische Leben der Kirche sein, um mit neuen Gruppen und Milieus ins Gespräch zu kommen bzw. um den kritischen Dialog innerhalb der Kirche anzustoßen?

Nicht umsonst ist die katholische Erwachsenenbildung ein Schwerpunkt unserer Arbeit als Kirche und eine Arbeit, die über den Rand der kirchlich gebundenen Arbeit hinausreicht. Ich konnte an einem Selbstverständnis- und Leitbildprozess der Erwachsenenbildung im Bistum Trier teilnehmen und wir haben dabei im Grunde die Formel gefunden: Bildung für ein gelingendes Leben. Wenn das die Maxime ist, unter der unsere Angebote in der Erwachsenenbildung stehen, die sich ja ganz stark verändert haben, dann ist das ein sehr guter Obersatz. Denn wenn man schaut, was vor 20 Jahren in der Erwachsenenbildung angeboten wurde und was heute angeboten wird: Wer sind die Kooperationspartner, mit denen wir heute unterwegs sind? Welche Vernetzungen suchen wir, um gesellschaftlich relevant und präsent zu sein? Unser Ziel muss es sein, Bildung für ein gelingendes Leben anzubieten. Solche Angebote werden angenommen und finden Akzeptanz, finden Interessenten.

Ich denke dabei etwa an die Veranstaltungen, die regelmäßig im Haus am Dom in Frankfurt am Main angeboten werden und sich mit milieusensiblen Themen im Spannungsfeld von Kirche und Welt beschäftigen oder die Abende, die wir in Tattoo-Studios durchgeführt haben, um die religiösen Symbole in dieser Kunstform auszuloten, oder auch an ein Gespräch über das Verhältni von Dada und Katholizismus am 100. Jubiläum des Club Voltaire im Rahmen des Lahnfestivals „Gegen den Strom“. Was sagen Sie dazu?

Ja, also, das ist doch ein Feld, in dem Kirche wirklich experimentieren kann und soll, um einfach auszutarieren, wo die Schnittmengen dessen liegen, was Menschen als ihren Lebensstil leben und suchen, und dem, was wir als Angebot machen können. Ich finde solche Angebote gut. Es wird ja nicht das Einzige sein, was wir anbieten, aber als Ergänzung finde ich das sehr interessant.

Papst Franziskus setzt ja derzeit immer neue Impulse für die Kirche. Wie lassen Sie sich in Ihrer Arbeit davon inspirieren?

Ich glaube, der größte Impuls ist er selbst als Person. Der Mann ist so authentisch, dass er einen oft schlicht und ergreifend überrumpelt. In den Sätzen, die er sagt, in den Gesten, die er zeigt, in den Dingen, die er betreibt und mit anderen umsetzt – das ist schon groß und großartig. Er wird damit bisweilen anstößig. Das wissen wir ja auch. Er ist ein Papst, der innerhalb der Kirche nicht nur Zustimmung findet. Ich aber finde es einfach gut, dass er sich präsentiert als Person mit dem, was er glaubt, was er für wichtig hält, was er empfindet. Wenn er ganz spontan zu Ereignissen in der Welt Stellung nimmt, eine Generalaudienz unterbricht und zum Bete einlädt. Das ist doch großartig. Und ich glaube, das ist gerade das, was Menschen weit über die Grenzen unserer Kirche berührt.

Schon an unseren Fragen spürt man, dass unendliche große Erwartungen auf einem Religionsunterricht und damit auf dem einzelnen Religionslehrer liegen. Was soll der Religionsunterricht nicht alles für Kompetenzen erzielen! Damit sind mögliche Probleme verbunden. Ich denke da an gesellschaftliche Instrumentalisierung bzw. Funktionalisierung des Religionsunterrichts für die unterschiedlichsten meist gut gemeinten Zwecke. Solche Erwartungen richten sich vor allem an den Religionslehrer, der alles, was sonst so in unseren Familien und in der Gesellschaft schiefläuft, durch seinen Unterricht richten und reparieren soll. Wie kann Religionsunterricht unter diesen Umständen sein Proprium bewahren? Aber auch, wie kann Kirche helfen, dass Religionslehrer ihr Fach weiterhin gerne unterrichten?

Religionslehrerinnen und Religionslehrer nehmen Teil an einem ungeheuren Erwartungsdruck, der auf Schule insgesamt liegt. Das sind auch unsere Erfahrungen in den kirchlichen Schulen oder in den Kindertagesstätten, die wir unterhalten. Das sollen heile Räume sein, die all das aufnehmen und aufarbeiten, was sonst andernorts nicht geleistet werden kann. Da muss man einfach sagen: Ja, das ist eine Überforderung und das muss man auf das Maß des Menschenmöglichen zurückführen, denn überforderte Lehrkräfte werden krank. Sie dürfen sich das selbst nicht zumuten und können dann keine guten Pädagogen sein. Insofern glaube ich, müssen wir da ein gutes Stück Luft und Druck herausnehmen und unsere Kolleginnen und Kollegen dazu ermutigen. Ich selbst stehe da jetzt außen vor; ich war schon lange nicht mehr selbst in Schulen präsent und wage auch nicht zu sagen, wie das geht. Aber ich möchte ermutigen, dies miteinander zu tun. Da haben Sie mich auf Ihrer Seite, das auf jeden Fall.

Von manchen wird Religion in der Schule kritisch beäugt und als Störenfried betrachtet, gerade angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen. In diesem Zusammenhang fallen dann häufig die Sätze, dass Religion nichts in der Schule zu suchen habe und letztlich Privatsache sei. Gleichzeitig etabliert sich der islamische Religionsunterricht an immer mehr Schulen als ordentliches Unterrichtsfach und tritt neben den ev. und kath. Religionsunterricht. Wie deuten Sie diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen?

Zunächst sollte man feststellen, dass alle vermeintlichen Propheten, die das Säkularisierungsparadigma aufgestellt haben, die also behaupteten, dass unsere Gesellschaft sich immer weiter säkularisieren werde und irgendwann Religion verschwunden sei, sich geirrt haben. Das gilt sowohl für das Christentum als auch für die gesamte Bandbreite der Religionen, die in unserer Gesellschaft präsent sind. Was Sie ansprechen, kommt ja vor allem aus Bereichen, in denen Religion missbraucht und für ganz andere Ziele instrumentalisiert wird – bis hin zu terroristischen, fundamentalistischen Verbrechen. Da müssen wir sehr genau unterscheiden und ganz klar sagen: Das hat mit Religion, mit unserem Gott, überhaupt nichts zu tun. Und ein christlich verbrämter Fundamentalismus, den es ja durchaus gibt, hat mit unserem Gott und mit unserem Glauben ebenfalls nichts zu tun. Ein Glaube, der nicht zusammenführt und Menschen nicht stärkt, kann nicht vom Guten sein. Aber sozusagen als Pendelschlag der Gesellschaft auf diese Phänomene, die es alle gibt, hören wir immer wieder die Thesen: Drängt die Religion doch ins Private, die Religion ist doch die Ursache des Übels, aus dem Monotheismus kommt die Gewalt. All diese Thesen, die wir kennen, sind gefährlich und ich lehne sie strikt ab. Christlicher Glaube ist zwar etwas sehr Persönliches aber er ist nicht privat. Vielmehr fühlt sich jeder, der davon betroffen ist, zum Zeugnis herausgefordert, und zwar öffentlich. Das geht gar nicht anders, sonst müsste man ihn verbieten. Insofern glaube ich, zum christlichen Glaube gehört von Anfang an das öffentliche Zeugnis dazu und das nehmen wir auch für uns in Anspruch. Das wird von vielen akzeptiert. Etwa im Gespräch mit Politikern begegne ich niemandem, der einer massiven Laizität das Wort redet. Vielmehr haben wir über einen langen, teilweise mühevollen Weg zu einer guten Kooperation gefunden. Wir haben einen weltanschaulich neutralen Staat, aber der ist Religionen gegenüber – vor allem dem Christentum – sehr aufgeschlossen. Er setzt es in Stand, öffentlich präsent zu sein. In der Konsequenz dieser Wahrnehmung kann ich nur sagen, dass wir unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu ermutigen sollten, das, was sie glauben, in einem ähnlichen Sinne öffentlich zu machen. Da gehört der Religionsunterricht dazu. Ich unterstütze ganz klar den politischen Willen, den islamischen Religionsunterricht in unser staatliches Schulwesen zu integrieren. Ich weiß aber, mit welchen sehr spezifischen Schwierigkeiten man da zu tun hat. Wer sind unsere Partner? Wie entwerfen wir Lehrpläne? Das, was mit Staat und Schule bzw. Schule und Kirche eingeübt ist, ist einfach mit dem Islam noch nicht eingeübt. Das braucht auch lange Wege, aber daran führt kein Weg vorbei, dass es hier zu einer ähnlichen Integration kommt, wie wir es kennen.

Ein Blick in die Zukunft: Wenn Sie einmal auf das Jahr 2036 vorausschauen, Sie würden dann wahrscheinlich vor Ihrer Emeritierung stehen oder wären schon emeritiert: Wo sähen Sie dann gerne den Religionsunterricht?

Ich mache diese Fantasiereise schon mal gerne in der Firmkatechese und bitte die Schülerinnen und Schüler, sich vorzustellen, sie seien zehn Jahre weiter. Was ist dann? Was wünschen sie sich? Wie sehen sie sich dann? Ein Prophet bin ich nicht. Ich kann sagen, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir vor allem, dass sich weiter junge Menschen dafür begeistern, Religionsunterricht zu erteilen. Ich glaube, das wird unsere größte Herausforderung in diesem Bereich sein. Ich erhoffe mir, dass die Rahmenbedingungen der Pädagogen und Pädagoginnen in unserem Land dies auch weiterhin ermöglichen. Das ist zwar in unserem Grundgesetz verbrieft, aber nichts daran ist ewig und wir müssen daran arbeiten. Ich glaube, das Entscheidende wird sein, dass wir junge Menschen finden, die Feuer dafür fangen und sagen, das mache ich zum Beruf.

Zum Abschluss möchten wir Ihnen einen kleinen Rohrschachtest in Form eines Zitats vorlegen. Es stammt von Hans Urs von Balthasar, ein Theologe, der Ihnen ja bestens vertraut sein dürfte. Wir möchten, dass Sie sich spontan zu diesem Zitat verhalten: „Die Theologie beginnt damit, zu sehen, was ist. Weit mehr noch als die Philosophie, die idealistisch sein kann und meistens auch wird, ist die Theologie die Anerkennung, Begleitung und Hingabe an die Wirklichkeit. Sie ist realistisch oder sie ist gar nicht.“

Ja, dem stimme ich voll zu. Nicht nur weil ich den Autor sehr schätze, sondern weil das meine Erfahrung ist. Ich sage Ihnen das jetzt sehr persönlich. Ich habe irgendwann festgestellt, vor nicht langer Zeit, dass ich nicht mehr sehr viele theologische Bücher lese, sondern dass ich theologische Inspiration für mich, auch für die Entwicklung meiner eigenen Theologie, sehr viel stärker von anderem Material – von Literatur oder anderen kulturellen Quellen – bekomme. Und das hat mich irgendwann erstaunt, irgendwie sogar erschrocken. Ich hatte doch bei meiner Promotion versprochen, immer interessiert an der Theologie und ihr verbunden zu bleiben. Ich wage aber zu sagen, dass die Quelle für meine theologische Bildung im Moment das Leben und die Wirklichkeit sind. Sie fordern mich heraus, sind die Prozesse, die ich kennenlerne und an denen ich spüre: Je intensiver ich sie kennenlerne, desto mehr geben sie die Fragen frei, die die Theologie dann zu beantworten hat. So wird auch Theologie betrieben und es gibt wirklich gute Literatur, die das macht – ganz klar. Insofern kann ich nur durchaus positiv darauf reagieren. Das ist das, was mir heute viel mehr entspricht als in früheren Jahren, in denen ich dachte, du willst deinen theologischen Wortschatz immer mehr erweitern, diskutierst mit anderen Theologen und willst so vorankommen. Das ist derzeit anders. Aus heutiger Perspektive sage ich, es braucht wenige, tiefe Impulse und die machen reich und erfahren.

 

Die Fragen stellten Martin W. Ramb und Christopher Campbell

 

 

 

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