Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung
Bergkristall des Bischofsstabs (c) Matthias Cameran

Wer ist ein guter Bischof?

Wer sich mit den Anfängen des Bischofsamtes beschäftigt, hat die Möglichkeit, neu nach den Stärken und Schwächen, den Aufgaben und Grenzen eines Bischofs zu fragen. Der Blick in das Neue Testament schützt vor überzogenen Ansprüchen.

Für die katholische Kirche ist das Bischofsamt von größter Bedeutung. Wer bei „katholisch“ sofort an den Papst denkt, sollte bedenken, dass dieser selbst der Bischof von Rom ist. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die gesamte Theologie des kirchlichen Amts an den Bischöfen festgemacht. Die Priester, die für die allermeisten Gläubigen das Gesicht der Kirche sind, werden dort lediglich als Mitarbeiter der Bischöfe eingeführt. Von den zahlreichen Laien, die in der Kirche Dienst tun, ist gar keine Rede. Das Konzil sagt: Auf die Bischöfe kommt es an. Sie sollen Hirten und Lehrer sein: überzeugte und überzeugende Boten des Glaubens, die allen Gläubigen den Weg weisen. Sie sollen in ihren Bistümern das Sagen haben, letztlich auch in Verwaltung, Finanzen, Personalführung. Das Kirchenrecht hat dies festgeschrieben. Dass Bischöfe heute mit ihren Pfarrern, mit Kaplänen, mit Laienvertretern und Gemeinden diskutieren müssen, um Überzeugungsarbeit zu leisten, ist einfach ein Gebot der Zeit, das alle Führungskräfte beachten müssen. Es ändert aber nichts am Grundsatz, der dem katholischen und orthodoxen Kirchenbild entspricht

Diese Theologie des Bischofsamts stößt auf ein starkes Echo. Die meisten Katholiken wollen einen guten Bischof haben. Warum? Nur weil sie autoritätshörig sind? Oder weil sie dem Amt etwas zutrauen.

Wenn es Probleme gibt, wird an Kritik am Bischof nicht gespart. Das wäre vor einiger Zeit nur hinter vorgehaltener Hand geschehen. Heute hingegen findet es in der Öffentlichkeit statt. Wer will sich darüber beklagen? Aber selbst wenn es zu Skandalen kommt, an denen es in der Geschichte der Kirche nie gefehlt hat, und wenn ein Bischof gehen muss, will das katholische Kirchenvolk nicht etwa das Amt abschaffen, sondern einen neuen, einen besseren, einen glaubwürdigen Bischof.

Die biblischen Wurzeln

Der Bischof hat eine Vertrauensposition. Darauf lässt sich einerseits bauen, andererseits schaden überzogene Ansprüche nur. Wer sich mit den Anfängen des Bischofsamts beschäftigt, kommt auf den Boden der Tatsachen zurück. Er hat die Möglichkeit, neu nach den Stärken und Schwächen, den Aufgaben und Grenzen eines Bischofs zu fragen – und zu sehen, wie ein Bischofsstuhl zu besetzen, eine Krise zu meistern, eine Reform zu gestalten ist.

Die Wurzeln des Bischofsamts liegen im Neuen Testament. Doch erst am Ende des Urchristentums gewinnt es an Profil – zwar nicht überall, aber in der Paulus-Tradition, besonders in den Pastoralbriefen, die sich an Timotheus und Titus richten. Der Eindruck, den die Schreiben heute hinterlassen, ist allerdings zwiespältig. Einerseits wollen sie Frauen aus der kirchlichen Öffentlichkeit zurückdrängen und auf den häuslichen Bereich festlegen. Das hat den Ruf der Pastoralbriefe bei den modernen Zeitgenossen nahezu ruiniert. Andererseits nennen sie Unterscheidungsmerkmale, an die sich alle halten sollen, die Bischof werden oder einen Bischof wählen und einsetzen wollen. Das wiederum ist von erstaunlicher Aktualität. Die biblischen Merkmale für einen Bischof sind von einer Nüchternheit und Klarheit, die an der Zeit ist. Hier verdienen die Pastoralbriefe eine neue Chance.

Gesund – gut – wahr

Nach der Mehrheitsmeinung der Bibelwissenschaftler sind die beiden Timotheusbriefe und der Titusbrief um die erste Jahrhundertwende oder sogar noch etwas später entstanden. Sie ahmen Theologie und Denken der originalen Paulusbriefe nach, sind aber nicht einfachhin deren Kopie, sondern entwickeln die vorgegebenen Formen kreativ weiter. In der Antike war das ein bewährtes Stilmittel. Jeder wusste, welches Spiel gespielt wurde: In einer neuen Herausforderung besinnt man sich auf die Anfänge und lässt in der Form eines neu geschriebenen Textes diejenigen sprechen, an denen man sich orientieren will. Die Literaturwissenschaft unterscheidet zwischen historischen und idealen Autoren und Adressaten. Das ist für die Pastoralbriefe wichtig: Sie sind Paulus-, Timotheus- und Titusbriefe, aber nicht in einem historischen, sondern in einem idealen Sinn.

Die Situation, die sie vor Augen stellen, ist die eines Übergangs. Er ist schwierig, muss aber gelingen. Schwierig ist er, weil es Streit gibt: um Paulus und die richtige Theologie, um die moralischen Ansprüche der Kirche und um die Fehlbarkeit ihrer Vertreter. Gelingen muss er, weil die Kirche sonst keine Zukunft hat. Nach den Pastoralbriefen schreibt Paulus, seinen Tod vor Augen, an Timotheus und Titus, seine Meisterschüler. Er gibt darin Anweisungen, wie sie die Christengemeinden in Kleinasien – der heutigen Türkei – und auf Kreta (was vielleicht für ganz Griechenland steht) so organisieren, dass sie auch in Zukunft die Herausforderungen meistern können, selbst wenn der Apostel als Ansprechpartner nicht mehr zur Verfügung steht. Die Pastoralbriefe idealisieren den Übergang von Paulus zu seinen Nachfolgern, damit die Kirche aller Zeiten sich an diesem Modell orientiert.

Am wichtigsten ist die Qualität der Lehre. Gesund soll sie sein (1 Tim 1,10; 2 Tim 1,13; 4,3; Tit 2,1), gut (1 Tim 4,6) und wahr (2 Tim 2,15; Tit 1,9). Also ist eine Theologie gefragt, die nicht krank macht, sondern heilt, die nicht schwach ist, sondern stark. Gut ist sie, wenn sie wahr ist; wahr ist sie, wenn sie Gott mit den Menschen verbindet – so wie Jesus es getan hat.

Aber nicht nur die Inhalte müssen stimmen, auch die Strukturen müssen passen und die richtigen Personen gefunden wer den. Alles hängt an ihrer Glaubwürdigkeit.

In den Briefen an Timotheus und Titus rückt der „Bischof“ in eine Schlüsselposition. Das griechische Wort heißt episkopos, wörtlich: „Aufseher“, neudeutsch: „Supervisor“. Das Wort hat von Haus aus nichts Heiliges an sich, aber es macht in der Kirche eine steile Karriere. Episkopen kennt die antike Welt im Vorstand und als Schatzmeister eines Vereins, als Aufpasser in einem Betrieb, als Vorgesetzte einer Behörde. Im ersten Petrusbrief aber heißt es auf einmal: „Ihr hattet euch verirrt wie Schafe; jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen“ (2,25). Gemeint ist Jesus Christus. Vielleicht sollte man Episkopos hier besser mit „Hüter“ übersetzen. Doch der christologische Fanfarenstoß ist unüberhörbar (vgl. 1 Petr 5,4).

Der Ton der Pastoralbriefe ist gedämpfter und kündigt dennoch eine stürmische Entwicklung an. Der Philipperbrief, der eine Generation früher geschrieben sein dürfte und zweifellos von Paulus ganz persönlich stammt, redet in der Adresse zusammen mit der Gemeinde auch Episkopen und Diakone an (Phil 1,1). Die Einheitsübersetzung von 1979 schreibt hingegen „Bischöfe“. Das ist merkwürdig. Denn die christliche Gemeinde von Philippi hatte damals, etwa fünf Jahre nach ihrer Gründung, wohl kaum mehr als hundert, zweihundert Mitglieder. Selbst wenn es einige mehr gewesen sein sollten: Wie kann es dort Bischöfe – in der Mehrzahl – gegeben haben? Jedenfalls nicht dann, wenn das Wort dieselbe Bedeutung hat wie später in der Kirchengeschichte. Besser wäre eine Übersetzung, die das Funktionale betont: „Aufseher“, vielleicht auch: „Vorsitzende“.

Das wäre im ersten Timotheusbrief (3,17) und im Titusbrief (1,7) ebenfalls keine falsche Übersetzung. Das Bischofsamt ist ein Dienst. „Dienst“ ist auch der einzige neutestamentliche Ausdruck, der theologisches Gewicht hat (während „Amt“, von Luther aufgebracht, eigentlich aus der Politik kommt und ursprünglich die Nähe zu weltlichen Aufgaben betonen sollte). Weil das Bischofsamt „Dienst“ ist, griechisch: diakonia, ist auch eine Theologie, die bei der Dienst-Leistung ansetzt, nicht unter der Würde eines Bischofs.

Eine starke Führungsfigur

Aber gegenüber dem Philipperbrief haben sich die Verhältnisse erheblich verändert. Das Wort ist gleich geblieben. Seine Bedeutung aber hat sich gewandelt. Diese Entwicklung lässt sich nicht nur an den Pastoralbriefen beobachten. Lukas erzählt in der Apostelgeschichte, Paulus habe am Ende seiner dritten Missionsreise, um sein kommendes Leiden wissend, die Presbyter aus Ephesus nach Milet eingeladen, um sie auf ihre kommenden Aufgaben vorzubereiten (Apg 20,17-38). Aus ihren eigenen Reihen würden Sprecher auftreten, die mit falschen Lehren Verwirrung stiften. Umso wichtiger sei es, dass sie, „vom Heiligen Geist zu Bischöfen bestellt“, sich als „Hirten“ bewähren, die „für die Kirche Gottes sorgen“ (vgl. 20,28).

Der Episkopos der Pastoralbriefe ist eine Führungsfigur. Er ist vor allem Seelsorger und Lehrer. Er ist der Leiter der Kirche vor Ort. Er ist der front man, der Mann an der Spitze der Christen einer Stadt, zu der auch das Umland gehörte. Er hat das Sagen, in des Wortes doppelter Bedeutung. Er soll den Mund aufmachen und die „gesunde Lehre“ verbreiten. Er soll auch die Richtlinienkompetenz haben und die Kirche, freundlic aber bestimmt, anleiten, den Weg des Glaubens zu finden. Dazu muss er selbst vorangehen: Er muss nach draußen gehen, in die Öffentlichkeit, und der Kirche eine Stimme geben. Er muss aber auch nach drinnen gehen, in sein eigenes Leben, und mit Gott ins Reine kommen. Das Studium der Heiligen Schrift (1 Tim 4,13), das Beten (1 Tim 2,1f), der Austausch mit anderen: all das hilft, nicht allein mit Vorschriften zu lenken, schon gar nicht diktatorisch zu sein (1 Tim 5,1), sondern durch gute Lehre, durch kluge Überzeugung, durch Einfühlungsvermögen und Standfestigkeit die Kirche zu leiten.

Man kann an den Pastoralbriefen kritisieren, dass sie zu sehr auf das Amt und zu wenig auf die Gemeinde achten. Aber zu den Gnadengaben, den Charismen, hatte sich Paulus in seinen Briefen an die Korinther und die Römer, indirekt auch in denen an die Galater, die Thessalonicher und die Philipper eingehend geäußert. Für Paulus ist die Kirche ein lebendiges Ganzes mit vielen verschiedenen Gaben, die alle ihren Beitrag leisten – nicht alle auf die gleiche Weise, nicht alle in derselben Verantwortung, aber alle zusammen. Paulus kann durchaus Unterschiede machen: „Also hat Gott in der Kirche eingesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer“ (1 Kor 12,28). Wenn etwas Hierarchie genannt werden kann, dann das. Aber die ganze Kirche lebt von Kooperation, von wechselseitiger Diakonie, von den vielen, die ihre Stärken einbringen und die der anderen fördern.

Eckstein und Fundament

Die Pastoralbriefe wollen dieses Bild des Paulus nicht zerstören. Sie haben ja die älteren Paulusbriefe nicht von der Bildfläche verdrängt, sondern auf ihre Weise gewürdigt. Doch sie sehen, dass das paulinische Kirchenmodell weiterentwickelt werden muss. Es braucht neue Konstruktionen, die tragfähig sind, wenn die Zeit sich dehnt und im Interesse des Glaubens für die Gemeinden festere Strukturen ausgebildet werden müssen. Einen Zwischenschritt geht der Epheserbrief, der nach herrschender Meinung gleichfalls nicht dem Apostel persönlich, sondern – wenn man einen offenen Begriff wählen darf – einer Art Schule des Paulus zuzuschreiben ist. Paulus hatte in seinem Kirchenbild den Apostel als Architekten gesehen, der das Fundament legt, das „kein anderes ist ... als Jesus Christus“ (1 Kor 3,11). Der Epheserbrief verschiebt das Bild: Jesus ist der Eckstein, der alles ausrichtet; aber das Fundament sind die Apostel und Propheten (Eph 2,20f), auf denen die Kirche aufbaut. Alle tragen dazu bei. Evangelisten, Hirten und Lehrer haben eine besondere Verantwortung (Eph 4,7-13). Die Pastoralbriefe verlängern diese Linie, indem sie den Bischof, aber auch Presbyter und Diakone ins Scheinwerferlicht rücken.

Ein guter Teamworker

So ausdrücklich die Pastoralbriefe Position beziehen und Positionen beschreiben: Vieles ist unklar und historisch im Fluss. Gab es je Stadtgemeinde immer nur einen Bischof? Kommt der Bischof aus dem Kreis der Presbyter, der Ältesten? Lassen sich die Aufgaben des Bischofs und des Presbyters ganz genau trennen? Was dürfen, was sollen die Diakone? Die Exegese, die nicht nur die Texte interpretiert, sondern auch die historischen Verhältnisse erforscht, die sie widerspiegeln, ist bei aller methodischen Selbstkontrolle nicht einfach objektiv, sondern höchst engagiert – und kann es nicht anders sein. Auf der einen Seite steht das Interesse, die spätere Entwicklung, die zum sakramentalen Weiheamt, zum dreigliedrigen ordo mit Bischof, Presbytern und Diakonen, geführt hat, dadurch zu legitimieren, dass sie – wenigstens im Kern – auf das Neue Testament zurückgeführt wird. Aber es hilft nichts, spätere Entwicklungen auf das Urchristentum zurückzuverlagern.

Auf der anderen Seite verfolgen viele Auslegungen das Interesse, die Rechtmäßigkeit katholischer Amtstheologie infrage zu stellen, indem sie die Unterschiede betonen. Doch so wenig das Wort gilt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, so wenig beweist die Offenheit des Neuen Testaments schon ein „Nichts ist unmöglich“. Man muss argumentieren, kritisieren und reflektieren, was dem Glauben dient, der Liebe und der Hoffnung.

Der Monepiskopat, also dass es in einer Stadt lediglich einen Bischof gibt, hat sich erst deutlich später durchgesetzt. Aber er liegt durchaus in der Perspektive der Pastoralbriefe. Die Briefe an Timotheus und Titus sprechen vom Bischof immer in der Einzahl, anders als bei Diakonen und Presbytern. Das kann man auf das Amt und den Typ deuten. Aber es ist durchaus naheliegend, beides mit einer Person zu verbinden.

Das gilt umso mehr, wenn der Bischof für die Einheit der Kirche steht, die der Leib Christi ist. Das ist das eigentlich theologische Argument für den Monepiskopat. Es wird nicht dadurch geschwächt, dass es nicht ausdrücklich im Neuen Testament auftaucht, sondern erst bei paulinisch geprägten Kirchenvätern.

Allerdings ist die Kirche, neutestamentlich betrachtet, in ihrer Einheit kein massiver Block, sondern der vielgliedrige Organismus des Leibes Christi. In den Pastoralbriefen ist davon zwar wenig zu sehen. Aber immerhin wird klar, dass der Bischof nicht isoliert ist, sondern mitten in der Gemeinde steht und eng mit anderen zusammenarbeiten soll, die gleichfalls Verantwortung tragen.

Typisch sind das Gegenüber und Miteinander von Bischof und Diakonen (1 Tim 3,1-13). In der Liturgie, in der Caritas und Katechese: Eigentlich sind die Diakone die klassischen Mitarbeiter eines Bischofs.

Keineswegs klar dagegen ist das Miteinander von Bischof und Presbytern. Die Ältesten kennt man aus der Ordnung von Synagogen. Wird aus ihrem Kreis der Bischof gewählt (1 Tim 5,17)? Bilden sie eine Art geistlichen Rat? Stehen sie den Hausgemeinden einer Stadt vor? Das alles lässt sich im Spiegel der Pastoralbriefe nur undeutlich erkennen, hat aber Folgen für die Theologie des Amtes und die ökumenische Bedeutung der biblischen Auslegung.

Eine echte Begabung

Ein Bischof übt in der Kirche eine wichtige Funktion aus. Aber ein Funktionär ist er nicht. Man könnte von einem Pastor sprechen, einem Hirten (vgl. Apg 20,28; Eph 4,11; 1 Petr 5,2). Aber die Pastoralbriefe führen, obwohl sie so heißen, keine ländlichen, sondern städtische Metaphern an. Sie sehen die Kirche nicht als Herde, sondern als Haus (1 Tim 3,15f). Der Bischof wird als der Herr dieses Hauses gesehen, als Mann des öffentlichen Lebens. Nicht nur in der Kirche, auch auf dem Forum soll er eine gute Figur machen. Niemand braucht einen Marktschreier, aber einen Mann des Wortes braucht die Kirche schon. Der Bischof soll ein Geistlicher sein, der sich für Politik interessiert (1 Tim 2,1f), ein Lehrer, der weiß, wie das Leben spielt (1 Tim 1,18ff), ein Nachfolger des Apostels, der sich durch das große Vorbild Paulus inspirieren lässt, seine eigene Sprache des Glaubens zu finden (1 Tim 4,6).

Die Pastoralbriefe beschreiben allerdings nicht die Liturgie einer bischöflichen Inthronisation. Das wäre aberwitzig. Sie sind schlicht und bescheiden. Es gibt in den Schreiben auch widersprüchliche Angaben, die nicht ganz leicht auszugleichen sind und vielleicht eher unterschiedliche Traditionen vor Ort als eine einheitliche Praxis widerspiegeln. Nach der einen Stelle haben die Ältesten Timotheus die Hände aufgelegt (1 Tim 4,14), nach der anderen war es Paulus selbst (2 Tim 1,6). Einmal soll Timotheus anderen – und niemandem vorschnell – die Hände auflegen (1 Tim 5,22). Ein andermal wird Titus nur aufgefordert, Presbyter (Älteste) einzusetzen, ohne dass gesagt wird, wie er es tun soll (Tit 1,5). Mal wird betont, dass das Wort von Propheten aus den Gemeinden die entscheidende Rolle spielt (1 Tim 1,18; 4,14). Mal wird die Kompetenz des Timotheus und Titus betont, auszuwählen und einzusetzen (1 Tim 5,22; Tit 1,6-9).

Wie auch immer: Die Handauflegung ist keine leere Geste. Verbunden mit Gebet ist sie eine durch und durch religiöse Handlung. Sie bittet um Beistand – im Vertrauen, erhört zu werden. Sie ruft den Geist herab, „nicht einen Geist der Verzagtheit, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7). Sie verleiht ein eigenes Charisma, eine spezifische Amtsgnade (1 Tim 4,14). Es ist die Gnade, die Kirche vor Ort in der Kraft des Geistes zu leiten und bei der Wahrheit des Evangeliums zu halten. Der Volksmund sagt: Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand. Das Evangelium sagt: Wen Gott in Dienst nimmt, dem schenkt er auch die Gnade.

Es ist entscheidend, die richtigen Leute für das Bischofsamt zu finden. Die sogenannten Pastoralbriefe des Neuen Testaments (der erste und zweite Timotheusbrief sowie der Titusbrief) richten auf die Auswahl der Personen große Aufmerksamkeit. Deshalb werden für den Bischof – und ganz ähnlich auch für Diakone (vgl. 1 Tim 3,8-13) – ausführliche Kataloge notwendiger Eigenschaften aufgestellt. Diese waren damals aktuell und sind es heute wieder.

Ähnlich gestaltet waren im Altertum und bis in die jüngere Vergangenheit hinein sogenannte Amtsspiegel. Das sind detaillierte Listen über Qualitätsmerkmale, die das Führungspersonal in Politik, Polizei, Rechtswesen aufweisen soll. Unter Headhuntern, also professionellen „Kopfjägern“ in der Wirtschaft, spielen ähnliche Eigenschaftenlisten eine Rolle, wenn es gilt, Manager zu suchen, die nicht nur das schnelle Geld machen sollen, sondern ökonomisch fähig sind und zugleich eine nachhaltige Entwicklung zu steuern vermögen.

Weltlich tugendhaft

Die Tugenden, die nach neutestamentlichem Zeugnis in der frühen Kirche gefragt waren und es auch heute noch sind, sind weltlich. Viele Bibelwissenschaftler der älteren Generation haben sich über die Bürgerlichkeit der Pastoralbriefe mokiert und deren Ausrichtung rein auf Sekundärtugenden kritisiert. Aber es gibt gar nicht so selten Situationen, in denen alle froh sind, wenn dieser Standard eingehalten wird. Was steht geschrieben?

Im ersten Timotheusbrief heißt es: „1 Wenn einer Bischof werden will, strebt er nach einer guten Aufgabe. 2 Der Bischof muss untadelig sein, der Mann nur einer Frau, nüchtern, besonnen, integer, gastfreundlich, lehrbegabt, 3 kein Trinker, kein Schläger, sondern gütig, nicht gewalttätig, nicht geldgierig, ein guter Vorsteher seines eigenen Hauses, ein Erzieher seiner Kinder zu Gehorsam und Anstand (5 wenn einer seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie will er dann die Gemeinde Gottes leiten?), kein Neube kehrter, damit er nicht aufgeblasen dem Gericht des Teufels anheimfällt. 7 Er muss aber auch einen guten Ruf bei den Außenstehenden haben, damit er nicht beschimpft wird und in eine Falle des Teufels tappt“ (3,1-7).

Der Titusbrief wiederum zählt Folgendes auf: „Der Bischof soll untadelig sein als Hausverwalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, kein Schläger, kein Wucherer, sondern gastfreundlich, gütig, besonnen, gerecht, fromm und beherrscht“ (1,7f).

Verblüffend ist die Nüchternheit aller Merkmale. Sie schließt sofort alle religiösen Spinner, alle spirituellen Hochseilartisten, alle überspannten Showmänner aus, aber auch alle verknöcherten Bürokraten, alle dogmatischen Betonmischer, alle Scheuklappenträger. Für Sektierer und radikale Eiferer ist an der Spitze der Kirche kein Platz. Fürstlicher Prunk lässt sich mit dem Bischofsbild der Pastoralbriefe nicht vereinbaren. Bodenständig sollen die Bischöfe sein, lebensklug und erfahren. Sie sollen keinen Eifer eines Neubekehrten an den Tag legen, sondern mit dem christlichen Glauben seit längerem vertraut sein. Sie sollen Tugenden an den Tag legen, die in der Antike höchstes Ansehen genossen, die aber weder speziell jüdisch noch ursprünglich christlich sind. Gastfreundschaft ist am wichtigsten. Dass diese nur Glaubensgenossen gewährt werden soll, wird mit keiner Silbe gesagt.

Auch dass man ein guter Familienvater sei und seine Kinder gut erzogen hat, bevor man für das Bischofsamt infrage kommt, gehört zu den traditionell wichtigen Pflichten. Aufhorchen lässt die Formulierung, dass der Bischof „der Mann nur einer Frau“ sein solle (1 Tim 3,2). Monotheismus und Monogamie, Ein-Gott-Glaube und Ein-Ehe, gehören schon bei Jesus zusammen (Mk 10,1-12 und die Parallelen). Besonderer Wert wird auf die Lebensführung, auf die ethischen Einstellungen und moralischen Haltungen gelegt: Besonnenheit, Güte, Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung. Das alles sind allgemeine menschliche Tugenden, nicht ureigens christliche. Die Frömmigkeit wird erwähnt – und damit kommt Gott ins Spiel. Aber kultivierte und geübte Religiosität gehörte in der Antike einfach dazu, wenn man ein öffentliches Amt übernehmen wollte. Dass in den Pastoralbriefen eine spezifisch christliche, jüdisch grundgelegte Frömmigkeit gemeint ist, muss und kann man aus dem Zusammenhang erschließen. Allgemein verbreitet ist das Urteil, dass Verantwortung für andere derjenige am besten übernehmen kann, der sein Verhältnis zu Gott geklärt hat. Für einen Bischof sollte das selbstverständlich sein. Es ist aber nicht überflüssig, es eigens zu erwähnen, zumal wenn jemand unbedingt in der Kirche Karriere machen will.

Ein ausdrücklich formuliertes Gebot alkoholischer Abstinenz kennen die Paulusbriefe nicht. Sie wollen keine spartanisch-sittenstrengen Bischöfe. Schließlich wird die Eucharistie mit Brot und Wein gefeiert. Aber der Zusammenhang von Alkoholismus und Gewalt steht ihnen vor Augen: Kein Säufer, kein Schläger! Die Friedfertigkeit sollte selbstverständlich sein, auch wenn die Antike durchaus rüde Erziehungsmethoden kennt. Im Buch der Sprüche (3,12) heißt es zum Beispiel: „Wen der Herr liebt, züchtigt er – wie ein Vater seinen Sohn.“ Und der Hebräerbrief nimmt direkt darauf Bezug (12,7).

Das Wort Gottes darf nicht eingeprügelt werden. Und Alkohol? In Maßen. Es gilt das Gebot der Nüchternheit, aber auch der Wachsamkeit. „Trink nicht nur Wasser“, so der Rat an Timotheus (1 Tim 5,23). Ein wenig Wein nützt der Gesundheit.

Das Wort Gottes darf nicht eingeprügelt werden. Und Alkohol? In Maßen. Es gilt das Gebot der Nüchternheit, aber auch der Wachsamkeit. „Trink nicht nu Wasser“, so der Rat an Timotheus (1 Tim 5,23). Ein wenig Wein nützt der Gesundheit. Zur geistigen Nüchternheit, die als wichtiges Auswahlmerkmal für Bischof und Diakone gilt, gab es zur Zeit der Pastoralbriefe allen Anlass. Viele besonders Ehrgeizige hatten sich einer „sogenannten Gnosis“ verschrieben (1 Tim 6,20), einer Art christlicher Esoterik, die durch ausufernde Engelverehrung, durch Verbannung der Sexualität aus dem Glaubensleben, durch religiös begründeten Verzicht auf Alkohol eine höhere Stufe des Glaubens erklimmen wollte. Davon hält der Verfasser der Pastoralbriefe, der im Namen des Paulus schreibt, nicht viel. Vielmehr hält er daran fest, dass Leib, Geist und Seele zusammengehören. Sie dürfen nicht getrennt werden, wenn vernünftig von Erlösung gesprochen wird. Denn die Schöpfungstheologie muss durch und durch positiv sein. Leibfeindlichkeit lehnen die Pastoralbriefe ab. Gegen den Glauben an Schutzengel hat der Verfasser nichts einzuwenden. Aber ein Glaube voller Angst ist nicht christlich. Gott hat durch Jesus Christus ein für alle Mal alles zur Rettung der Menschen getan. Paulinische Theologie verkündet, dass die Glaubenden in Christus „nichts von der Liebe Gottes scheiden“ kann (Röm 8,39).

Und die Frauen?

Zur Nüchternheit bei der Auswahl von Bischöfen gibt es auch heute allen Grund. Sie brauchen keine Heiligen zu sein. Doch müssen sie in ihrem Verhalten ethischen Maßstäben genügen, die allgemein gültig sind. Das allein genügt jedoch noch nicht. Dazu gehören theologische Bildung und geistliches Leben. Ohne moralische Grundlagen geht es nicht. Das war nie strittig und ist es auch heute nicht. Haben die Pastoralbriefe darüber hinaus Bedeutung?

„Ordinatio Sacerdotalis“, das Lehrschreiben von Papst Johannes Paul II. über „die Priesterweihe“ (1994), das unter anderem bestimmt hat, dass nur Männer zu Priestern geweiht werden können, erwähnt die Pastoralbriefe nur am Rande: dass die Apostel nur Männer als Mitarbeiter wählten, „die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten“ (mit Verweis auf 1 Tim 3,1-13; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9). Allerdings spricht viel dafür, dass die Pastoralbriefe Frauen als Diakone (1 Tim 3,11) kannten – so wie Paulus auch (Röm 16,1f). Sie wollen nur, dass Frauen nicht in der Kirche öffentlich lehren (1 Tim 2,8-15). Gott sei Dank hat sich die Kirche daran nicht gehalten.

Dass es gegenwärtig heißt, einzig Diakone und Priester dürften während der Eucharistiefeier die Homilie, die Schriftauslegung in der Predigt, halten, darf den Blick nicht trüben: Innerhalb und außerhalb der Kirchengebäude, innerhalb und außerhalb von Liturgien haben immer wieder auch Frauen ihre Stimme erhoben; Katharina von Siena und Teresa von Avila, Edith Stein und Hildegard von Bingen sind nur einige. Äbtissinnen und Gemeindeschwestern, in jüngerer Zeit auch Katechetinnen, Lehrerinnen und Pastoralreferentinnen – wer wollte ernsthaft auf ihr Wort verzichten? Ihre frauenfeindliche Begründung, Eva sei als Zweite erschaffen, habe aber als Erste gesündigt, wird in keinem einzigen offiziellen Lehrdokument der katholischen Kirche zitiert, wenn das Schriftstellenregister im „Denzinger-Hünermann“, der Sammlung aller päpstlichen Lehrdokumente, nicht trügt.

Aber auch bei den Auswahlmerkmalen und den Verhaltenskatalogen gilt: Die Kirche hat sich nie sklavisch an die Vorschriften der Pastoralbriefe gehalten – zu Recht. Diese Checklisten für Bischöfe, Presbyter und Diakone sind höchst zeitbedingt. Sie sind nicht in Stein gemeißelt, sondern sollen zu ihrer Zeit und in ihrem Umfeld für eine Bestenauslese sorgen. Die Kirche hat sich immer die Freiheit genommen, neue Regeln zu finden, die in die Zeit und zum Amt passen. Die Vorstellungen, wer ein guter Bischof werden kann und wie ein guter Bischof leben soll, haben sich geändert und werden sich weiter ändern.

Augustinus wäre chancenlos

Zum Beispiel die Vorschrift, dass der Bischof kein Konvertit sein sollte (vgl. 1 Tim 3,6). Ambrosius, eine der ganz großen Gestalten der westlichen Kirche, wurde 374 nach Christus von Mailands Christenvolk zum Bischof erwählt, obwohl er noch gar nicht getauft war. John Henry Newman wurde 1847 bereits zwei Jahre nach seinem Wechsel von der anglikanischen zur katholischen Kirche zum Priester geweiht.

Augustinus wiederum hat seine bewegte sexuelle Vergangenheit in seinen „Bekenntnissen“ nicht verschwiegen. Zwar hat er nicht zur Mutter seines Kides, wenigstens aber zu seinem Sohn gestanden. Man stelle sich vor, wie man sich heute die Mäuler über einen Bischof mit einer solchen Vergangenheit zerreißen würde. Augustinus würde heute an jedem Gutacten der römischen Bischofskongregation scheitern.

Ein guter Ehemann und Vater? In den orthodoxen Kirchen dürfen zwar Priester (vor der Weihe) heiraten. Es werden aber nur Mönche, die ehelos leben, zu Bischöfen geweiht. Im lateinischen Teil der katholischen Kirche gilt der Zölibat für alle Priester. Ganz wenige Ausnahmen bestätigen die Regel: Evangelische Pfarrer, die verheiratet sind und katholische Priester werden, geben selbstverständlich ihre Ehe nicht auf. In Diözesen der katholischen Ostkirchen, die nicht römisch, sondern uniert sind, also den Papst anerkennen, gibt es im Regelfall verheiratete Priester, darunter einen, der Mitglied der internationalen Theologenkommission im Vatikan ist.

Durch Wahl der Gemeinde

Allein diese Ausnahmen zeigen, dass beim Pflichtzölibat von einem Dogma, von einem Lehrsatz katholischen Glaubens, keine Rede sein kann – abgesehen davon, dass man in diesem Fall den Pastoralbriefen ausdrücklich widerspräche. Aber umgekehrt kann auch niemand mit Berufung auf die Pastoralbriefe die römische Koppelung zwischen Zölibat und Priestertum ablehnen. Der Zölibat ist ein Zeichen der Nachfolge Jesu. Ist es nicht sinnvoll, das Priesteramt mit diesem Zeichen zu versehen?

Die Diskussion darf nicht allein auf Zweckmäßigkeit begrenzt werden. Sie muss Teil einer Debatte über die Erneuerung der Kirche, über das Miteinander von Bischöfen und Priestern, von Klerikern und Laien sein. Dann ist sie fruchtbar. Und diese Debatte hat bereits begonnen. Aber sie steht schon wieder in Gefahr, sich rein auf Verfahrensfragen auszurichten. Tatsächlich tragen die Pastoralbriefe in all ihren Grenzen ein Vermögen in sich, das kirchenrechtlich nicht ausgeschöpft ist. Ohne dass jemand in seiner Umgebung auch von den Nichtchristen, jedenfalls den verständigen unter ihnen, anerkannt ist, kann er kein Bischof werden. Ein Bischof, der keinen guten Leumund hat, ist untragbar. Ein Bischof wird in sein Amt durch Handauflegung und Gebet eingesetzt, wobei neutestamentlich einmal die Ältesten im Blick stehen, einmal Timotheus, dem seinerseits der Apostel Paulus die Hände unter Gebet aufgelegt hat.

Aber der Bischof muss auch von den christlichen Gemeinden, für die er wirkt, akzeptiert werden. Fehlte die Zustimmung, wäre er fehl am Platz. Die Gemeinden sind nach den Pastoralbriefen an der Wahl beteiligt. Allerdings nicht per Mehrheitsentscheidung nach einem Wahlkampf, sondern durch ein qualifiziertes Zeugnis des Heiligen Geistes aus dem Mund von Gemeindevertretern. Die Pastoralbriefe sprechen von Worten der Prophetie – und haben nicht vergessen, dass Propheten die Zeugen des Glaubens sind, amtlich gebunden oder nicht, die erkennen, was die Stunde geschlagen hat, und in der Lage sind, sowohl die Zeichen der Zeit zu deuten als auch einen Menschen gut zu beurteilen.

Die Pastoralbriefe diskutieren die Auswahl eines Bischofs als Typ-Frage. Nüchtern und geistvoll zu sein, glaubensfest und friedfertig – wer Bischof werden will oder werden soll, muss das zusammenbringen. Er darf auf den Heiligen Geist setzen, der seine Kirche leitet, und auf die Gebete der Gläubigen. Er muss aber auch an sich arbeiten, den Erwartungen gerecht zu werden. Es ist eine theologische Leistung der Pastoralbriefe, einen solchen Typ Bischof gebildet zu haben. Die Kirche kann davon nur profitieren. Kein Wunder, dass die Alte Kirche hier an den biblischen Vorgaben Maß genommen hat.

Was meint Sukzession?

Auch die Ökumene kann von den Pastoralbriefen und ihrer Sicht des bischöflichen Amts Gewinn ziehen. Wenn die Katholiken vom kirchlichen Dienst, der ihnen so wichtig ist, so sprechen wollen, wie es dem Maßstab der Heiligen Schrift entspricht, müssen sie anerkennen, dass zwischen Bischof und Presbyter nicht so scharf unterschieden werden kann, wie es die gegenreformatorische Theologie versucht hat. Das schafft Spielraum für die Bewertung der Entwicklungen in der Reformation, die – jedenfalls in Deutschland – nicht evangelische Bischöfe, wohl aber Pfarrer aufweisen konnte, die mit Handauflegung und Gebet ins Amt ordiniert werden. Die damit verbundene apostolische Sukzession, also die Frage, ob und wie alle geweihten Bischöfe in ununterbrochener Reihenfolge auf die Zeit der Apostel zurückgehen, die zur Debatte steht, ist die lebendige Tradition des Glaubens, die Sache aller Gläubigen. Und deshalb ist sie der Dienst derer, die zur öffentlichen Verkündigung des Glaubens und zur Spendung der Sakramente berufen und bestimmt, beauftragt und bevollmächtigt sind. Der Bischof ist nach den Pastoralbriefen derjenige, der dafür vor Ort die Gesamtverantwortung hat. Er erhält – so laden die Pastoralbriefe ein zu glauben – kraft Handauflegung und Gebet die nötige Gnade, diesen Dienst zu leisten. Wenn aber das, was der Sache nach des Bischofs ist, in bestimmten Situationen und Umständen dem Worte nach auch von Presbytern geleistet wird, kann nicht von einem Mangel oder Fehlen des Amts gesprochen werden.

Die Evangelischen sind gefragt, ob sie wirklich die gegenwärtig von vielen vertretene These aufrechterhalten wollen, dass schon in der Taufe alle Möglichkeiten gegeben sind, das Bischofsamt in der Kirche auszuüben, und dass nur Gründe der guten Ordnung dazu führen, dass Einzelne durch die Ordination, die Beauftragung ins Amt, berechtigt werden, diese Möglichkeit auch wahrzunehmen. In den Pastoralbriefe steht es anders. Wenn deren Position im Kern nicht übernommen wird, steht es schlecht um die theologische Anerkennung der Ämter und damit der evangelischen Kirchen.

Beide Seiten müssen die Festlegung auf eine mechanische Sicht der Handauflegung und der Kette ihrer Abfolgen aufgeben. Sonst geht es immer allein um die Kritik der anderen Position, nicht aber um die der eigenen. Das führt auch dazu, dass man von einer Kollegialität der Bischöfe nicht mehr reden könnte, obgleich sich die von Paulus betonte Gemeinschaft der Apostel (Gal 2,1-10) so darstellt.

Beide Seiten müssen sich bewegen. Die Pastoralbriefe geben dazu starke Anstöße. Sie diskutieren nicht den worst case, den schlechtesten aller Fälle: dass ein Bischof sein Amt aufgeben muss und wie das geht, weil er den Ansprüchen, die es stellt, nicht genügt. Aber sie setzen darauf, dass es gute Bischöfe geben kann und geben wird und dass sie ihren Dienst für die Kirche leisten, wenn man kritisch genug bei der Auswahl der Personen ist.